Design in Afrika – der Zusammenhang von Geschichte und Kreativleistung in Nigeria

Die nigerianisch-kanadische Designerin Lani Adeoye hat für das „Weißbuch“ einen wunderbaren Essay über Design in Afrika geschrieben. Bevor Sie Auszüge daraus hier lesen, möchten wir Sie mit einem von Lani Adeoye sehr geschätzten Zitat von Papa Omotayo, Creative Director aus Lagos, einstimmen:

„(…) Design als Begriff sollte in Afrika lediglich ein Platzhalter sein. Ich glaube nicht, dass er der Gesamtheit unserer Intentionen hier entspricht. Design kommt mir, seitdem ich nach Nigeria zurückgekehrt bin, als etwas sehr Lineares vor. Hier gibt es immer das Bestreben, etwas er­neuern zu wollen, es umzufunktionieren oder neu zu erfinden – es ist mit unserem Bewusstsein ver­flochten und hat mit einem Vor­Design zu tun. Wir verfügen über eine Fülle von Kompetenzen, um mehrere Wahrheitsebenen spirituell und rational zu erfassen.“

 

Viel Freude beim Eintauchen in Lanis Erfahrungen und Gedanken!

Lani Adeoye
Lani Adeoye

Kultur vor und nach dem Design

Von Lani Adeoye

Meine kulturelle Identität ist für mich als Desig­nerin wesentlich, wenn es darum geht, welche Ausdrucksformen ich bewusst oder unbewusst finde, vor allem im Rahmen meiner Arbeit in meinem Studio für Möbeldesign Studio­Lani. Die Objekte, mit denen wir uns umgeben, verkörpern meiner Ansicht nach immaterielle Werte und spiegeln, was wir zu diesem spezifischen Zeitpunkt glauben und schätzen. Ich habe in vier verschiedenen Metropolen gelebt – Lagos, Mon­treal, Toronto und New York – und während dieser Zeit beobachtet, wie die DNA einer Gemeinschaft deren Designkultur und folglich auch deren ge­stalterische Arbeitsergebnisse prägt. (…)

 

Ein vielfältiger Kontext bringt vielfältige Ergebnisse hervor

 

Wenn wir verschiedene afrikanische Länder in eine Schablone pressen, erhalten wir am Ende höchstwahrscheinlich ein sehr verzerrtes Bild. Afrika ist ein sehr großer Kontinent mit etwa 1.275.920.972 Einwohnern, 54 verschiedenen Ländern und schätzungsweise 3.000 unter­schiedlichen indigenen Sprachen. Wir können daher seine Geschichte nicht auf ein einzelnes Narrativ reduzieren. Ein Fehler, der sehr häufig ge­macht wird. Obwohl es in verschiedenen Teilen Afrikas Übereinstimmungen gibt, sollten wir doch Pauschalierungen vermeiden und nicht länger zur Verbreitung einer einseitigen Sichtweise bei­tragen. Aus diesem Grunde habe ich mich mit Nigeria vornehmlich auf ein einzelnes afrikani­sches Land konzentriert. Nigeria ist mit 206 Millionen Einwohnern (Stand Ende 2019) das bevölkerungsreichste Land Westafrikas. Mit über 250 verschiedenen ethnischen Gruppen mit einer jeweils eigenen Identität sowie über 500 unter­schiedlichen Sprachen ist es ausgesprochen multikulturell. Ich möchte diese Informationen den folgenden Seiten voranstellen, um aufzu­zeigen, wie vielschichtig und divers ein einzelnes Land sein kann. (…)

 

Die Vergangenheit erschafft die Gegenwart

 

Design wird von Kultur beeinflusst und da Kultur immer auch Geschichte unmittelbar reflektiert, können wir den Zusammenhang zwischen der Geschichte und der Kreativleistung eines Landes niemals voneinander trennen. Bevor ich jedoch das Ergebnis meiner Recherchen zu Lagos präsentiere, möchte ich noch auf die Folgen von Sklaverei und Kolonialismus hinweisen, die Afrika bei der Entfaltung seiner Potenziale so sehr gehemmt haben. Diese haben nicht nur die Wahrnehmung afrikanischer Länder in der ganzen Welt beeinflusst, sondern auch dazu geführt, dass Schwarze sich weltweit immer noch mit den geistigen Nachwirkungen auseinandersetzen müssen. Der revolutionäre nigerianische Musiker Fela Kuti hat dies in seinen Songs thematisiert und darauf hingewiesen, welche verheeren­den psychischen Auswirkungen dies zur Folge hatte. Die meisten sich im Umlauf befindlichen Informationen über afrikanische Länder wurden von Nichtafrikanern verfasst und stellen Afrikaner häufig als minderwertig dar, was die negativen Stereotype noch zusätzlich verstärkt. Dadurch haben Schwarze große Nachteile, wenn sie sich mit afrikanischer Geschichte beschäftigen bzw. einen authentischen Blickwinkel einnehmen wollen. Verschiedene historische und kulturelle Bewegungen haben sich jedoch für ein stolzes schwarzes und afrikanisches Selbstverständnis eingesetzt, das den Status quo infrage stellt und eine Neudefinition des Narrativs aus der eigenen Perspektive anstrebt. (…)

 

Kunst und Kultur im Design

 

Um sich dem Begriff Design im nigerianischen Kontext zu nähern, muss man zunächst aus einem kulturellen Blickwinkel seine Verbindung zur Kunst verstehen. In vielen Kulturen in Nigeria diente die Kunst historisch gesehen einem be­stimmten Zweck, d. h., sie wurde nicht lediglich aus ästhetischen oder dekorativen Beweggründen geschaffen. Vielmehr war sie häufig an be­stimmte Aktivitäten, Feiern und mündliche Überlieferungen gebunden. Die kunstvoll geschnitzten Holzhocker und Masken hatten somit oft auch einen symbolischen Charakter. Man kann davon ausgehen, dass Künstler sich in gewisser Weise als Designerinnen und Designer betätigten, indem sie zweckdienliche Objekte herstellten, die auch einen ästhetischen Anspruch hatten. Kreatives Gestalten war schon immer ein Aspekt unserer Lebensweise und Kunst spielte in vielen Facetten des Lebens eine Rolle. Nigerianische Textilien sind exemplarisch für diese Vorstellung von symbolhafter Kunst und Design als einem Mittel der Kommunikation.

Adiere Eleko ist eine Form des Textildesigns, das für die Yoruba­ Kultur in Südwestnigeria charak­teristisch ist und als Kunsthandwerk seit ca. 1910 existiert. Traditionellerweise färbten die Frauen die Stoffe und entwarfen die Motive. Textilien reflek­tierten die Identität eines bestimmten Stammes und ermöglichten verschiedenen Gemeinschaf­ten, sich voneinander zu unterscheiden. Die Stoff­motive waren symbolisch und vermittelten eine Botschaft oder bezogen sich auf ein historisches Ereignis. Das Symbol der Kaurischnecke verwies zum Beispiel auf Geld, Ohrringe wurden mit guten Nachrichten assoziiert und ein Spiegel stand im Allgemeinen für eine Person, in der sich das eigene Leben reflektierte.

Abgesehen von unserer Kleidung ist auch die Art und Weise, wie wir unser Haar tragen, eine Form des kulturellen Ausdrucks, die oftmals weit über den vordergründig ästhetischen Aspekt hinausging. „Im frühen 15. Jahrhundert wurden in den westafrikanischen Gesellschaften Bot­schaften über die Haartracht vermittelt. Afrika­ner – Angehörige der Mende, Wolof, Yoruba und Mandingo – wurden auf Sklavenschiffen in die ‚Neue Welt‘ gebracht. In diesen Gemeinschaften wurden über das Haar häufig Einzelheiten zu Alter, Familienstand, ethnischer Identität, Religion, Wohlstand und Rang in der Gemeinschaft kom­muniziert.“ (Tharps & Byrd, 2001)

Überdies hat man im Sklaventum über das Haar auch bestimmte Informationen ausgetauscht. Cornrows wurden beispielsweise in bestimm­ten kartografischen Mustern geflochten, die den Weg in die Freiheit aufzeigten und auch über die Intention einer Person Aufschluss gaben, sodass andere, wo erforderlich, Hilfe leisten konnten. Mit dieser verschlüsselten Form von Kommunikation verständigten sich Afrikaner untereinander, ohne dass ihre Besitzer ihr Vorhaben erkennen konnten. Insbesondere Benkos Bioho, der der Versklavung entfloh und sein eigenes Geheimdienstnetz auf­ baute, indem er Frauen anhielt, ihre Cornrows mit kartografischen Hinweisen zu versehen, um so Botschaften zu überbringen. Da Sklaven oftmals nicht Lesen oder Schreiben erlernen durften, war es extrem wichtig, andere und unauffälligere Formen der Übermittlung von lebensrettenden Botschaften zu finden. In Kolumbien haben die Sklaven, wenn sie fliehen wollten, sich ihre geplante »Abreise« als Frisur geflochten. Die Cornrows wurden dafür in einem Knoten oben auf dem Kopf verflochten. Geschwungene Zöpfe verwiesen häufig auf empfohlene Fluchtrouten. Außerdem hat man in den Zöpfen auch wichtige Dinge für das Überleben nach der Flucht ver­steckt, wie Gold oder Samen. (…)

 

Anmerkung der Redaktion: Im weiteren Verlauf des Essays stellt Lani Adeoye weitere persönliche Blickwinkel von Designer:innen aus Nigeria vor. Nachzulesen in „Designing Design Education – Weißbuch zur Zukunft der Designlehre“