BEGEGNUNGSRÄUME FÜR INNOVATION

#Kreativität  #Zusammenarbeit  #Curriculum

Dr. Bethan Gordon
Cardiff Metropolitan University

Ein Lehrplan, der Kreativität fördert und Risikobereitschaft und interdisziplinäre Zusammenarbeit stärkt, birgt auch das Potenzial für Innovationen, die wie selbstverständlich ganz nebenbei entstehen können. Auf der Grundlage von Erkenntnissen über Kreativität, Führungsqualitäten, Zusammenarbeit und Zukunftskompetenz kann auf diese Weise ein leistungsstarkes Bildungssystem entstehen, das Studierende nicht nur auf die aktuelle Praxis, sondern auch auf mögliche Zukunftsszenarien vorbereitet. An der Cardiff School of Art and Design (CSAD) verdankt sich dieses Ethos einer bewussten Entscheidung.

Das Engagement der walisischen Regierung für künftige Generationen, wie es im Gesetz ›Well-being of Future Generations (Wales) Act 2015‹ über das Wohlergehen künftiger Generationen definiert wurde, steht im Einklang mit unserer Lehrplanstrategie im Fachbereich Design. Das Gesetz beinhaltet eine Richtlinie für nachhaltige Entwicklung, die darauf abzielt, »das wirtschaftliche, soziale, ökologische und kulturelle Wohlergehen in Wales zu verbessern« auf der Grundlage von Werten wie Mitsprache und Kontrolle, frühzeitiger Intervention, Koproduktion und behördenübergreifender Zusammenarbeit. Diese Leitprinzipien sollen nicht nur als Strategie dienen, sondern auch als konzeptuelle Basis für die Entwicklung eines interdisziplinären Curriculums, das den Studierenden für ihren späteren Einsatz im Kreativsektor soziale Kompetenz, kritische Reflexionsfähigkeit und ökologisches Bewusstsein vermittelt. 

Als Dekanin der CSAD und als Designerin, die den Mensch in den Mittelpunkt stellt, sehe ich meine Aufgabe in erster Linie darin, die Voraussetzungen zu schaffen, in denen Mitarbeitende und Studierende erfolgreich sein können. In diesem Kontext wird Erfolg nicht durch Ergebnisse oder Messgrößen definiert, sondern durch das Selbstvertrauen, die Anpassungsfähigkeit und die Resilienz, die die Lernenden entwickeln. Unsere Aufgabe besteht im Wesentlichen darin, sie darauf vorzubereiten, angesichts unsicherer, komplexer und gesellschaftlich geprägter Zukunfts­szenarien eine Führungsrolle zu übernehmen.

In diesem Text werden die wichtigsten Aspekte der interdisziplinären Lernerfahrung an der CSAD erörtert und damit auch unsere interne Entwicklung und ihre Resonanz innerhalb eines umfassenderen Systemwechsels im Bildungswesen beleuchtet. Dies schließt auch die Arbeit ein, die ich an der Cardiff Metropolitan University gemeinsam mit der walisischen Regierung durchgeführt habe, um forschungsorientiertes, designbasiertes Lernen im Nationalen Lehrplan für Wales
zu integrieren und Pädagogen von der frühkindlichen Bildung bis zur Sekundarstufe zu unterstützen. 

Die nicht eindeutige Abgrenzung bzw. Vermengung von Definitionen und Begrifflichkeiten, die zur Beschreibung von Kreativität, Innovation, Design und Problemlösungen verwendet werden, ist offenkundig. Bevor ich mich also mit den Faktoren und dem Kontext der Lehrplangestaltung an der CSAD widme, möchte ich sinnvollerweise meine bevorzugten Definitionen und das terminologische Zusammenspiel erläutern. 

Kreativität: bezeichnet die Entwicklung neuer Ideen, die entweder neue Sichtweisen auf existierende Probleme oder neue Möglichkeiten eröffnen. (Loudon, Deininger 2014)

Innovation: bezeichnet die erfolgreiche Umsetzung neuer Ideen. Es ist der Prozess, durch den diese Ideen in neue Produkte, neue Dienstleistungen, neue Geschäftsmethoden verwandelt werden. Letztlich sollte Innovation einen Mehrwert für die Welt schaffen und einen entsprechenden Effekt haben. (Budden, Murray 2020)

Design: bezeichnet »die Verbindung von Kreativität und Innovation. Ideen werden für eine Zielgruppe in funktionale und interessante Entwürfe übertragen. Design kann als Kreativität beschrieben werden, die für einen bestimmten Zweck eingesetzt wird.« Cox (2005, p.2)

Problemlösung: bezeichnet den Prozess, in dem ein Problem definiert wird, die Ursache des Problems ermittelt und verschiedene Lösungen identifiziert, priorisiert und ausgewählt werden und schließlich unter Berücksichtigung des Kontexts umgesetzt werden. (systematischer Prozess / kreativer Prozess). (Amiel 2023)

Diese vier Begriffe – Kreativität, Innovation, Design, Problemlösung – sind keine isoliert stattfindenden Aktivitäten. Sie sind miteinander verwoben, iterativ und responsiv. Unser Lehrplan erkennt diesen Aspekt an und berücksichtigt ihn. 

Bildung existiert nicht in einem Vakuum, und das sollte sie auch nicht. Unsere Studierenden sind sich der umfassenden Herausforderungen unserer Gegenwart sehr bewusst. Sie artikulieren Bedenken und Sorgen angesichts von Klimawandel (Kelly, 2017) und systemischer Ungleichheit und sehen die dringende Notwendigkeit einer kollektiven Verantwortung für unseren Planeten (White et al., 2024). Wenn wir diese Besorgnis im Kontext eines Bildungsumfeldes betrachten, in dem Kunstschaffende, Maker, Designer und Architekten ausgebildet werden, was schließlich in die Schaffung von Gebäuden, Gegenständen und Dienstleistungen mündet, dann sollten wir uns noch stärker bewusst machen, welche langfristigen Auswirkungen unsere Auswahl der Materialien, Prozesse, Produktionsmethoden und das Verhalten der Stakeholder auf unseren Planeten haben. 

»ALLE KREATIVEN UND INDUSTRIELLEN PRAKTIKEN SIND IM KOMPLEXEN KONTEXT DES 21. JAHRHUNDERTS VERORTET; KLIMAWANDEL, UNZUFRIEDENHEIT DER BÜRGER, GLOBALISIERUNG, GLOBALE PANDEMIEN, TECHNOLOGISCHE UMBRÜCHE, VERÄNDERUNGEN VON GESELLSCHAFTLICHEN NORMEN, ETHISCHEN UND MORALISCHEN RAHMENBEDINGUNGEN. MULTIKULTURELLE LEBENSWEISEN BRINGEN NICHT NUR HERAUSFORDERUNGEN MIT SICH, FÜR DAS WAS WIR TUN, SONDERN AUCH WIE WIR ES TUN UND FÜR WEN. WIR MÜSSEN MÖGLICHKEITEN UND NEUERUNGEN ERKENNEN, UM MIT PROBLEMEN UND UNSICHERHEITEN UMGEHEN UND DURCH UNSERE ENTSCHEIDUNGEN UND HANDLUNGEN ZUKUNFTSWEISEND  AGIEREN ZU KÖNNEN.« (Dolejšová u.a., 2021)

Wir werden immer wieder daran erinnert, dass die Zukunft nicht nur unsicher, sondern auch unvorher­sehbar ist. Laut British Council (2023) werden »in zehn Jahren 65 Prozent der Jobs solche sein, die bislang noch nicht existieren.« Vor diesem Hintergrund lautet die dringliche Frage: Wie gestalten wir einen Lehrplan, der Studierende auf eine Zukunft vorbereitet, die wir noch nicht beschreiben können?

Angesichts dieser Problematik legt die CSAD den Schwerpunkt in der Ausbildung nicht auf bestimmte Aufgaben, sondern auf die Förderung von Lernfähigkeit, die metakognitive und emotionale Fähigkeit sich anzupassen, selbstbestimmt zu handeln und bei der Veränderung der Bedingungen offen und neugierig zu bleiben. Unser Lehrplan gewährleistet dies, indem problemorientiertes Lernen, praxisnahe gemeinschaftliche Aufgabenstellungen und eine kritische Auseinandersetzung mit globalen Herausforderungen gefördert werden, während gleichzeitig eine Zusammenarbeit zwischen dem gesamten Fachbereichsspektrum des CSAD stattfindet, das von bildender Kunst über Architektur und Textildesign bis zu Animation reicht. 

Unser Ziel ist es nicht nur, Absolventen hervorzubringen, die auf Umbrüche reagieren können, sondern die auch auf sinnvolle Weise zu unserer Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur beitragen können. Laut Mahoney (in Gibbs, 2010) soll die Hochschulbildung »die Entwicklung von Absolventen fördern, die einen sinnvollen Beitrag zur Gesellschaft, zu lokalen Gemeinschaften und zur Wirtschaft leisten können.« Daher bestärken wir unsere Studierenden darin, sich als lebenslang Lernende zu begreifen, um sicherzustellen, dass sie sich unabhängig von den Herausforderungen der Zukunft anpassen können. In fünf Jahren werden wir es neben der Klimakrise noch mit anderen äußerst kritischen Ereignissen und Notlagen zu tun haben, von denen wir heute noch nichts ahnen. In zehn Jahren wird sich die Situation nochmals von Grund auf verändert darstellen. Unsere Studierenden müssen vorbereitet sein, damit wir als Lehrende wissen, dass wir erfolgreich waren, wenn sie in der Industrie arbeiten, ihre eigenen Innovationen entwickeln und einen Mehrwert für die Gesellschaft schaffen, weil sie in der Lage sind sich anzupassen. 

Die Cardiff School of Art of Design war mit der Entwicklung ihres interdisziplinären Lehrplans und der damit verbundenen fachübergreifenden Lernerfahrung ihrer Zeit voraus. Das Konzept wurde 2012 von Dr. Stephen Thompson entwickelt und für die Umsetzung unter meiner Ägide weiterentwickelt. Dr. Martyn Woodward hat eine nochmalige Verfeinerung 2022 angeführt. Die Ausgestaltung des Rahmenlehrplans basierte auf dem Prinzip und dem Ziel der Kooperation zwischen Seminaren, auf gemeinsamen Ressourcen, finanzieller Tragfähigkeit, fachübergreifenden Lernerfahrungen, Förderung der kreativen Risikobereitschaft, Führungsqualitäten, der Verknüpfung von Theorie und Praxis, optimierter Projektdauer zur Unterstützung der intrinsischen Motivation, des problemorientierten Lernens und ein Bewusstsein für Kreativität, wobei all dies auf den Anforderungen der jeweiligen Disziplin beruhte. Ein Rahmenlehrplan ist die übergeordnete Schablone, in der ein Curriculum umgesetzt wird und wird von UNESCO-IBE (2017) wie folgt definiert: »Durch den Rahmenlehrplan werden die Parameter, die Ausrichtung und die Standards der Lehrplanstrategie und -praxis festgelegt.« Die UNESCO (2005) definiert den Lehrplan hingegen als »Gestaltung, Vorbereitung und Ablaufplanung von Lehr- und Lernprozessen. Er umfasst die Beschreibung von Zielen, Inhalten, Aktivitäten und Lernmethoden sowie die Modalitäten zur Leistungsbewertung der Lernenden.« Diese Definitionen sind wesentlich, da ein solcher Rahmen für eine Vielzahl von Disziplinen Geltung hat, die auf dem gleichen interdisziplinären Erfahrungsprinzip beruhen, wobei anerkannt wird, dass jeder Fachbereich seine eigene Lehrplanidentität und individuelle Spezifität hat. Ein Rahmenlehrplan eröffnet zudem den Möglichkeitsraum für Innovation. Das ist wichtig, da ein Lehrplan sich mit der Zeit ändern kann, der übergeordnete Rahmen bleibt jedoch stabil, wenn er gut konzipiert ist. Folgerichtigerweise wurde ein Lehrplan entwickelt, der die Psychologie der Lernenden berücksichtigt, und zwar die Bedürfnisse von Künstlern im Vergleich zu Designern, ihren Umgang mit Lernstrategien und ihre Form der Zusammenarbeit. Die CSAD hatte zum Zeitpunkt, als dieser Beitrag verfasst wurde, rund 1200 Studierende und 13 Bachelor-Studiengänge als Teil des Rahmenlehrplans, die durch gemeinsame Werkstattressourcen und ein technisches Team unterstützt werden. Die Forschung spielt eine zentrale Rolle bei der Gestaltung des Lehrplans und der Lernerfahrung.

Grundlage dieses Lehrplans sind wissenschaftliche Erkenntnisse zu der Frage, wie Faktoren, die die Kreativität beeinflussen, auch das studentische Engagement behindern oder fördern und sich damit auch auf ihren Erfolg auswirken können (Loudon, Gordon 2019). Abb. 3 ist eine Darstellung des Rahmenlehrplans der CSAD. Er besteht aus 3 Kernkompo­nenten: Disziplin, Experiment und Konstellation. Das Modul Disziplin steht zwar für sich und ist unabhängig, allerdings ist vorgesehen, dass die Studierenden alle Module aus der Perspektive ihrer Disziplin durchlaufen. Das Experiment-Modul eröffnet einen Raum zum Ausprobieren, es ermöglicht die Zusammenarbeit zwischen den Fachbereichen auf Stufe 4, wobei in Stufe 5 gemeinsame Lösungen für reale Herausforderungen eruiert werden. Im Rahmen dieses Moduls eröffnen sich den Studierenden unterschiedliche Möglichkeiten, so können sie ihr eigenes Unternehmen gründen, als Lehrer arbeiten, innovative Ideen für ein bestimmtes Designprojekt entwickeln oder beispielsweise nach Rajasthan reisen, um die indische Kultur kennenzulernen und zu erkunden, wie sich das auf die eigene Arbeit auswirken könnte. 

Diesem Modul ist überdies das Thema der globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zugeordnet. Die Bedeutung von Zusammenarbeit insgesamt
und mit anderen Studierenden kann bei verschiedenen Ansätzen in den Vordergrund gestellt werden. Der Designer, der in erster Linie eine zielgerichtete und methodische Vorgehensweise schätzt, wird vielleicht davon profitieren, wenn er den kreativen Prozess des Künstlers nachvollziehen kann, der die Welt um sich herum studiert und in einem experimentellen Raum ein Spiel mit Materialien zulässt. Das dritte Modul wird als Konstellation bezeichnet, Theorie und Praxis sollen wie Sterne verbunden sein, damit die Studierenden auf der Grundlage von fundiertem Wissen die Dinge kritisch hinterfragen und ihre Erkenntnisse in der Praxis zur Anwendung bringen können. 

In aktuellen Veröffentlichungen im Bereich Pädagogik (Edelbroek, et al. 2017; de Greef, et al. 2017; Post. et al. 2019) werden verschiedene Merkmale beleuchtet, die ein fachübergreifendes von einem fachbezogenen Lernen unterscheiden, wobei entsprechende pädagogische Ansätze vorgestellt werden. Interdisziplinarität zielt in der Hochschulpädagogik im Allgemeinen auf die Entwicklung einer Reihe von kognitiven Fähigkeiten (Repko, 2008) ab, die die Studierenden zu einer innovativen Lösungsfindung für reale Probleme und Fragestellungen befähigen, die möglicherweise über die eigene Disziplin hinausgehen: 

  • Entwicklung und Anwendung von Techniken zur Perspektivenübernahme (neue Perspektiven einnehmen) 
  • Ein strukturelles Verständnis für Problemstellungen entwickeln
  • Widersprüchliche Erkenntnisse (d.h. Expertenmeinungen) aus zwei oder mehr Disziplinen zusammenführen
  • Ein fundiertes analytisches Verständnis für ein Problem entwickeln (Woodward 2023)  

Dieser Lehrplan eröffnet zahlreiche Möglichkeiten. Die Studierenden können je nach ihrem beruflichen Selbstverständnis entscheiden, in welcher Form sie den Lehrplan durchlaufen möchten, z. B. als Akademiker, Unternehmer oder Praktiker, und während ihres dreijährigen Studiums Projekte auswählen, die auf ihre spätere berufliche Laufbahn abgestimmt sind. 

Ein kurzer Abriss der Geschichte des Rahmenlehrplans und Lehrplans der CSAD zeigt, wie wir eine optimierte interdisziplinäre Lernerfahrung für die Studierenden entwickelt haben. Bei der Konzeption unseres Lehrplans haben wir einen radikalen Ausgangspunkt gewählt und sozusagen bei null angefangen. Diese Entscheidung war vom Imperativ getragen, dass wir den Aspekt des Risikos als grundlegenden Bestandteil des Lernens berücksichtigen wollten, insbesondere in Fachbereichen, in denen Kreativität eine zentrale Rolle spielt. Um Innovation zu fördern – so haben wir schon früh erkannt – müssen Bedingungen geschaffen werden, die die Studierenden dabei unterstützen eine kreative Risikobereitschaft zu entwickeln. Zu diesem Zweck haben wir sogenannte »Kollisionsräume« geschaffen, also gezielt konstruierte Gelegenheiten für einen fachübergreifenden Austausch, die die Integrität der einzelnen Disziplin bewahren und gleichzeitig Räume für kollektives Arbeiten, kritische Diskurse und gemeinschaftlich entwickelte Erkenntnisse schaffen.

Die Umsetzung verlief zu Beginn nicht ohne Heraus­forderungen. Der Übergang von einem konzeptuellen Rahmen zur tatsächlichen praktischen Durchführung ließ eine Reihe von logistischen und strukturellen Problemen deutlich werden. Zu diesem Zeitpunkt wurde ich stärker einbezogen und sollte die an sich überzeugende Idee in eine funktionale akademische Struktur übertragen. Dafür mussten geeignete Rahmen­bedingungen und Feedback-Mechanismen entwickelt und Bedingungen geschaffen werden, damit sowohl Lehrkräfte, technische Mitarbeiter und Studierende eine Mitsprache hatten, die Verantwortung für den Lehrplan jedoch bei den Lehrenden verblieb.

[2] Figure 1 CSAD Product Design Student work from 2024

[3] Figure 2 CSAD Product Design work from 2014

2017 haben wir uns dann damit beschäftigt, wie dem Aspekt einer verstärkten Risikobereitschaft tatsächlich im Lehrplan Rechnung getragen werden konnte. Es wurde deutlich, dass ein formatives Assessment zwar Teil unserer Struktur war, das Engagement der Studierenden jedoch inkonsistent war. Ohne ein solches Engagement blieb das Feedback aus und die Studierenden zögerten, sich auf ein experimentelles Arbeiten einzulassen. In der Folge ist die Qualität der produzierten Arbeiten und auch der damit verbundene Anspruch zurückgegangen. Als Reaktion darauf haben wir in ausgewählten Modulen ein Bestanden/Nicht bestanden-Bewertungsmodell eingeführt. Damit sollten die Dinge nicht etwa vereinfacht werden, vielmehr war dies eine gezielte, auf der Lernpsychologie beruhende Maßnahme. Durch den Wegfall des Drucks, wie er durch eine benotete Bewertung erzeugt wird, wurde ein sicherer Raum zum Experimentieren geschaffen. Die Studierenden wurden ermutigt, kreative Risiken einzugehen und sich auf sinnstiftendere Weise mit ihrer Arbeit auseinanderzusetzen. Gleichzeit erhielten sie ein ausgesprochen wichtiges Feedback für zukünftige Projekte, denn die Angst vor dem Scheitern kann Kreativität erheblich behindern. (Amabile, 1996; Gordon, 2014).

Wir haben zudem die zeitliche Struktur der Module einer Neubetrachtung unterzogen. Auf der Grundlage von Forschungsergebnissen, interner Analyse und Untersuchungen von Kollegen, haben wir festgestellt, dass längere Projektlaufzeiten häufig zu einer verminderten Motivation führen, insbesondere bei Studierenden in den Designdisziplinen. Während Studierende im Fachbereich bildende Kunst von längeren Laufzeiten und Aufgaben mit offenem Ende profitieren, benötigen Designstudierende offenkundige klare zeitliche Vorga-
ben, um konzentriert zu arbeiten. Wir haben daraufhin den Lehrplan neu strukturiert, um mehr Flexibilität zu ermöglichen: Designstudierende konnten innerhalb komprimierter Zeitfenster arbeiten, während Studierende aus den Fachbereichen Kunst und Illustration die Möglichkeit erhielten, Module zu kombinieren, was eine längere und eingehendere Beschäftigung mit einem Thema ermöglichte. 

Diese Maßnahme beruht auf der theoretischen Grundlage zu den Faktoren, die das Engagement und die Kreativität von Lernenden beeinflussen, u. a. auf
einer Untersuchung von Peifer u.a. (2014), in deren Rahmen der Flow-Zustand einer Person verschiedenen Stufen physiologischer Erregungszustände zugeordnet wurden, wobei beleuchtet wurde, wie der Flow mit anderen emotionalen Zuständen zusammenhängt. Zudem wurde eine Arbeit von Pink (2011) über intrin­sische Motivation von Autonomie, Können und ­Sinnhaftigkeit herangezogen. Durch einen kohärenten Rahmen gestützte Agilität wurde zu einem Kernmerkmal unseres Ansatzes.

Diese strukturelle Veränderung wurde direkt durch unsere fortdauernden lernpsychologischen Untersuchungen gestützt, nicht in Bezug auf persönliche Lernstile, sondern durch Erkenntnisse aus der Moti­vationsdynamik, der kognitiven Belastung und der Faktoren, die Kreativität entweder behindern oder fördern. Wir haben uns die Frage gestellt: Was fördert Resilienz? Was verursacht kreative Blockaden? Wie gestalten wir einen Lehrplan, der diese Aspekte
auf proaktive Weise berücksichtigt?

Eine vergleichende Analyse der Arbeiten von Studierenden im Fach Produktdesign an der CSAD aus den Jahren 2014 und 2024 belegt einen wichtigen narrativen Zusammenhang zwischen dem Engagement der Studierenden, ihrer kreativen Ziele und ethischem Bewusstsein. 

Im Jahr 2024 beschäftigten sich Studierende mit Themen wie individuellem und kollektivem Wohlbefinden, gemeinschaftsbasierten Interventionen und Umweltsanierung. Die Projekte reichen von biomechanischen Hilfsgeräten bis zu Innovationen im biologisch abbaubaren Pflanzenschutz und Erste-Hilfe-Sets
bei Messerverletzungen und zeugen von Kontextbewusstsein als auch von zielgerichteter Innovation der Studierenden. 

In der Rückschau auf das Jahr 2014 gibt es eindeutige Belege für ein sozial engagiertes Denken, wenn auch in einem anderen Zusammenhang. Viele Studierende hatten den Fokus auf Projekte im Gesundheitswesen gelegt, was auch auf meine damalige pädagogische Ausrichtung zurückzuführen war – eine persönliche Auseinandersetzung mit dem ethischen Aspekt der Produktion »neuer Dinge« in einer Welt, die diesbezüglich schon übersättigt ist. Die Reaktion bestand in einer Hinwendung zum medizinischen Design, weil die Produktion in diesem Bereich ethischer vertretbar erschien. Es gab einen klaren roten Faden, nämlich die Problemlösung hinsichtlich realer Anwendungsmöglichkeiten, angefangen von chirurgischen Instrumenten bis hin zu adaptiven Mobilitätshilfen.

Dieser Wandel über ein Jahrzehnt hinweg verdeutlicht eine Verschiebung von der praktischen Problemlösung zu zielgerichteter Innovation, die gegenwärtig zunehmend von einem interdisziplinären Austausch und einem kritischen ökologischen Bewusstsein geprägt ist. Sowohl 2014 als auch 2024 gab es Ansätze von kritischem Denken, in 2024 lässt sich jedoch beobachten, dass sich allgemeine politische und ökologische Aspekte stärker auf die Entscheidungsfindungen der Studierenden ausgewirkt haben. Überdies ist eine Verknüpfung von Theorie und Praxis sowie eine auf Umweltauswirkungen abgestimmte Auswahl der Materialien festzustellen. Da wir eine gezielte Zusammenarbeit und umfassende Diskussionen über unsere Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen und die Zukunft im Allgemeinen unter den Studierenden der verschiedenen kreativen Fachbereiche fördern, ist der Aspekt der Auswahl der Materialien und ihrer Auswirkungen auf die Umwelt stärker in den Fokus gerückt. Auf diese Weise ist es uns gelungen, einen Raum für Innovation und wegweisende Wertschöpfung zu schaffen.

Bis 2024 hatten wir einen soliden Lehrplan entwickelt, der Innovation nicht nur förderte, sondern auch hervorbrachte. Es stellte sich heraus, dass wir zwar die Bedingungen für Kreativität, Zusammenarbeit und die Entwicklung von Führungsqualitäten geschaffen hatten, diese aber den Studierenden nicht explizit kommuniziert hatten. Daher haben wir eine neue Ebene von pädagogischer Intentionalität eingeführt, die auf einen bestimmten ›Erkenntnisgewinn‹ zielte. Wir haben die Studierenden nicht nur zu einer verstärkten Zusammenarbeit und Risikobereitschaft aufgefordert, sondern auch sichergestellt, dass sie verstehen, welche Anforderungen sich aus diesem Ansatz ergeben. Wie gestaltet man eine sinnvolle Zusammenarbeit? Was sind die kognitiven und emotionalen Dimensionen
einer kreativen Risikobereitschaft? Was bedeutet es Menschen zu führen, auch im Hinblick auf die eigene Person?

Diese Herangehensweise wird nun durch unser Rahmenkonzept »Zukunftskompetenzen« gestützt, das aus einer Initiative zur Förderung des Bewusstseins für CO2-Emissionen hervorgegangen ist, die vom stell­vertretenden Dekan der CSAD geleitet wurde. Während nachhaltiges Design in bestimmten Fachbereichen schon seit längerer Zeit auf der Agenda steht, erkannten wir, dass es doch klare Unterschiede zwischen den Studiengängen gibt. Beispielsweise ist die Keramik­herstellung ressourcenintensiv und im Bereich der Fotografie fallen erhebliche Mengen an chemischen Abfällen an. Wir haben daher ein übergreifendes System entwickelt, das es allen Fachbereichen ermöglicht, die Umweltauswirkungen ihrer Arbeit nicht nur isoliert, sondern in einem größeren Zusammenhang
zu untersuchen. 

Ein Beispiel dafür ist unser Garten für Pflanzenfarbstoffe, ein fachübergreifendes Projekt, bei dem die Studierenden nicht nur ihre eigenen Pflanzen zur Gewinnung von natürlichen Farbstoffen anbauen, sondern sich auch mit Aspekten von Wasserverbrauch, Ressourcenkreislauf und Materialauswirkungen beschäftigen. Die Studierenden aus dem Fachbereich Fotografie erforschen Möglichkeiten, Metalle aus Abwasser herauszufiltern, um dieses Wasser dann für den Garten mit den Naturfarbstoffpflanzen zu benutzen. So entsteht ein Kreislauf, dem unsere Prinzipien eines sozialverträglichen und zukunftsorientierten Designs zugrunde liegen. 

Im Zuge der weiteren Ausarbeitung des Lehrplans, kristallisierten sich eine Reihe von wesentlichen fördernden Aspekten heraus: 

Studierende in der eigenen Disziplin verankern: 
Ohne ein solides Zugehörigkeitsgefühl zum eigenen Fach fühlen sich Studierende orientierungslos. Interdisziplinarität erfordert ein Selbstvertrauen in die eigene Disziplin. Dies wiederum ist dann einer sinnvollen Zusammenarbeit und kreativen Erkundung förderlich.  

Neuausrichtung von Bewertungsverfahren
Die Umstellung auf ein Bestanden/Nicht bestanden-Bewertungsmodell ist nicht überall auf Zustimmung gestoßen. Dennoch ist es eine psychologisch fundierte Maßnahme, die Risikobereitschaft fördert und Leistungsangst verringert, was im Bereich von kreativen Studiengängen von entscheidender Bedeutung ist.

Normalisierung kognitiver Vielfalt
Wir schaffen ein Lernumfeld, in dem unterschiedliche Denk- und Herangehensweisen möglich sind. Das Aufeinandertreffen verschiedener Disziplinen lässt einen Ort der Reibung und des Wachstums entstehen, in dem Annahmen hinterfragt und Perspektiven erweitert werden können. 

Reflexion als Prinzip verankern
Wir haben Reflexion als zentrale pädagogische Methode etabliert – nicht nur in Bezug auf das Lernen, sondern auch was den sinnstiftenden Aspekt betrifft. Kritische Reflexion hilft den Studierenden, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden und fundierte kreative Entscheidungen zu treffen. Im Ergebnis konnten wir eine deutliche Zunahme von Kritikalität in den technischen, aber auch theoretischen Leistungen feststellen. 

Festigung der Organisationskultur vor einer ­Umstellung des Rahmenkonzepts
Strukturelle Veränderungen sind ohne eine Festigung der Organisationskultur nicht ausreichend. Eine gemeinschaftliche Vorgehensweise ist hierfür ein wesentlicher Aspekt. Die Schaffung von Räumen, in denen Lehrkräfte gemeinsam nach sinnstiftenden Lösungen suchen und Verantwortung für den Lehrplan übernehmen.

Verwendung einer verständlichen Sprache
Wir passen unser Vokabular an die Zielgruppe an. Sprache ist für die Beteiligung ein maßgeblicher Faktor. So findet der Begriff »Design Thinking« möglicherweise nicht in allen Disziplinen Anklang; »kreatives Denken« könnte hier beispielsweise ein inklusiverer Begriff sein. 

Dynamik statt reiner Vorgaben
Grundlegende Veränderungen sind selten effektiv, wenn sie von oben verordnet werden. Stattdessen geben wir Impulse für eine Veränderung und schaffen eine Dynamik, in die sich Kollegen einbringen können – wir setzen auf eine schrittweise statt abrupte Neuausrichtung. 

Dieses Projekt geht über den universitären Bereich hinaus. Ich war in Zusammenarbeit mit der walisischen Regierung an der Einführung des neuen Nationalen Lehrplans für Wales beteiligt und habe mit Lehrkräften zusammengearbeitet, die Schüler im Alter von 4 bis 16 Jahren unterrichten, um forschungsbasierte Lern­methoden und Denkweisen zu etablieren (Milton 2023). Unser Ansatz stützt sich dabei auf die Untersuchung »von Anreizen« anstatt uns nur mit »Problematiken« in einem allgemeineren Sinne zu befassen, um die Entwicklung von Kreativität, Selbstvertrauen und Fähigkeiten im gesamten Bildungssystem zu fördern. Das Projekt unterstreicht die Notwendigkeit
von kritischer Reflexion seitens der Lehrkräfte, einer Untersuchung hinsichtlich der Neigung zu proble­matischen Annahmen und einer evidenzbasierten -Entscheidungsfindung. Es dient als Rahmenkonzept, das Lehrkräfte bei der Neuausrichtung des Curriculums unterstützen soll. Ich steuere in diesem Zusammenhang Design Thinking und kreatives Denken bei, um die Ergebnisse der Untersuchung in sinnvolle Ideen für den Lehrplan umzusetzen. Bei diesem Ansatz geht es im Wesentlichen darum, den Fokus auf die Förderung der Beteiligten zu richten und Veränderungen im Lehrplan und Innovation voranzutreiben. 

Letztlich bleibt die Frage: Gestalten wir innovative Lehrpläne oder sorgen wir für eine Lernerfahrung, die Innovation ermöglicht? Vielleicht beides lautet die Antwort. Am wichtigsten ist jedoch die bewusste Gestaltung von Räumen – in physischer, kognitiver und relationaler Hinsicht – in denen die Studierenden experimentieren, scheitern, reflektieren und sich weiterentwickeln können. Dies muss der Maßstab für Innovation im Bildungswesen sein. 

(Aktualisiert am 20. November 2025)