Bildungsstiftung für wissenschaftliche Forschung & Lehre
PERSÖNLICHES WACHSTUM
#Neuroplastizität #Wachstum #Anstrengung
Blanka Tacer, PhD
International techer trainer, Founding member of STEP Institute,
Ljubljana, Slovenia
Theorie und Umsetzung im Hochschulwesen
Das Selbstbild einer Person beeinflusst, wie sie mit Lernen und Entwicklung umgeht. Im Bildungsbereich bezieht sich der Begriff ›Mindset‹ auf Überzeugungen hinsichtlich des Ursprungs bestimmter Persönlichkeitsmerkmale, darunter Begabungen, Fähigkeiten und Charaktereigenschaften. Die Bedeutung eines richtigen Mindsets, es zu verstehen und zu fördern sind entscheidend für effektives Lernen und persönliche Weiterentwicklung.
Theoretischer Rahmen
Carol Dweck hat im Rahmen ihrer Forschung zwei grundlegende Formen der Selbstwahrnehmung definiert: Das ›Fixed Mindset‹ und das ›Growth Mindset‹. Menschen mit einem Fixed Mindset glauben, dass ihre Intelligenz und Fähigkeiten angeboren und weitgehend unveränderlich sind. Im Gegensatz dazu gehen Menschen mit einem Growth Mindset, das heißt mit einem dynamischen Selbstbild, davon aus, dass ihre Fähigkeiten durch Anstrengung und Übung entwickelbar sind. Diese grundlegende Unterscheidung hat weitreichende Implikationen für die Bildung und die persönliche Entwicklung.
Belege für Neuroplastizität
Das Denkmodell des Growth Mindset wird auch durch die Forschung zu Neuroplastizität gestützt. Ein besonders aufschlussreiches Beispiel ist die Studie von Eleanor Maguire über Londoner Taxifahrer. Durch das intensive Navigieren im Rahmen ihrer Arbeit entwickelten sie vergrößerte Hippocampusregionen, die für das räumliche Gedächtnis zuständig sind. Diese Anpassung erfolgte nicht aufgrund angeborener Unterschiede, sondern als Reaktion auf Umweltanforderungen und konsequente Übung. Diese Studie veranschaulicht die Fähigkeit des Gehirns, sich zu verändern und zu wachsen und stützt damit die wissenschaftliche Grundlage für die Theorie eines Growth Mindset.
Praktische Umsetzung
Um ein Growth Mindset im Bildungsbereich gezielt zu fördern, ist es wesentlich, dass eine Vielfalt von praktischen Strategien und Übungen zum Einsatz kommen. Diese Ansätze helfen den Studierenden, ein solches Wachstumsdenken zu verinnerlichen und es auf ihre eigenen Lernerfahrungen anzuwenden.
Bewertung von individuellen Mindsets
Eine einfache interaktive Übung veranschaulicht, wie sich derartige Denkmuster je nach Fähigkeiten unterscheiden können. Bei dieser Aktivität sollen die Teilnehmenden ihre Überzeugungen hinsichtlich der Entwicklung von Fähigkeiten körperlich zum Ausdruck bringen, indem sie sitzen oder stehen. Der Moderator stellt verschiedene Fähigkeiten vor, wie Spracherwerb, Zeichnen, Singen lernen, oder auch die Entwicklung von Fähigkeiten in der Chirurgie, Mathematik und Architektur. Die Teilnehmenden stehen auf, wenn sie glauben, dass die jeweilige Fähigkeit durch Übung deutlich verbessert werden kann, und setzen sich hin, wenn sie der Meinung sind, dass sie weitgehend angeboren ist.
Im Rahmen der Designausbildung können wir noch spezifische gestalterische Fähigkeiten miteinbeziehen, wie Kreativität, visuelle Komposition und Zusammenarbeit bei Atelierprojekten. Es ist jedoch wichtig, den Fokus nicht nur auf designspezifische Kompetenzen zu richten, sondern mit allgemeineren Beispielen zu beginnen und den Schwerpunkt dann allmählich auf designbezogene Fähigkeiten einzugrenzen.
Diese Übung veranschaulicht die Komplexität individueller Ausprägungen von Mindsets und wie sie auf spezifische Bereiche bezogen sind. So wird sich ein Studierender beim Thema Sprachen lernen vielleicht hinstellen (weil er davon ausgeht, dass Übung hilft), während er beim Thema Singen sitzenbliebt (weil er es als angeborene Begabung betrachtet). Die anschließende Diskussionsrunde hilft den Teilnehmenden dabei, ihre Überzeugungen in Bezug auf bestimmte Fähigkeiten zu hinterfragen. Außerdem lernen sie zu verstehen, warum sich diese Überzeugungen auf ihre Lernweise auswirken können.
Auswirkungen auf das Lernverhalten
Das jeweilige, übergreifende Mindset kommt in bestimmten Verhaltensmustern zum Ausdruck, die die Lernergebnisse signifikant beeinflussen. Um dies zu veranschaulichen, betrachten wir das Beispiel zweier fiktiver Studierender, Alex (Fixed Mindset) und Sam (Growth Mindset), die eine schwierige Mathematikaufgabe lösen müssen:
- Umgang mit Herausforderungen:
- Alex (Fixed): Meidet das Problem aus Angst, dass ein Scheitern mangelnde Fähigkeiten offenbaren könnte.
- Sam (Growth): Geht das Problem bereitwillig an und betrachtet es als Möglichkeit zum Lernen.
- Reaktion auf Anstrengung:
- Alex: Gibt schnell auf, weil er glaubt, dass die Notwendigkeit sich anzustrengen bedeutet, dass man kein natürliches Talent hat.
- Sam: Gibt nicht auf, in dem Bewusstsein, dass Anstrengung der Weg zum Erfolg ist.
- Reaktion auf Feedback:
- Alex: Wird defensiv oder entmutigt durch konstruktive Kritik.
- Sam: Begrüßt Feedback als wertvolle Information für Verbesserung.
- Wahrnehmung des Erfolgs von Kommilitonen:
- Alex: Fühlt sich von Kommilitonen bedroht, die das Problem lösen und empfindet deren Erfolg als Ausdruck seiner eigenen Unzulänglichkeit.
- Sam: Lässt sich vom Erfolg seiner Kommilitonen inspirieren und versucht, von ihren Ansätzen zu lernen.
Dieser Vergleich zeigt, wie das Selbstbild jeden Aspekt des Lernprozesses beeinflusst, angefangen davon wie eine Aufgabenstellung angegangen wird bis zu einer konzentrierten Auseinandersetzung damit und einem möglichen Erfolg.
Anwendung im Bildungsumfeld
Rolle der Lehrenden
Lehrende beeinflussen das Selbstbild der Studierenden durch ihre didaktischen Ansätze. Erfolgreiche Pädagogen haben konsequent hohe Erwartungen an die Studierenden und bieten gleichzeitig gezielte Unterstützung bei der Entwicklung ihrer Fähigkeiten. Ihre Feedback-Methoden sind gezielt auf wachstumsorientierte Denkmuster ausgerichtet und fördern eine anhaltende Anstrengung.
Zur Veranschaulichung im Folgenden das Beispiel einer Lehrkraft aus dem Bereich Naturwissenschaften, die die Prinzipien des Wachstumsdenkens umsetzt:
- Erwartungen definieren: Zu Beginn einer anspruchsvollen Unterrichtseinheit über Zellbiologie, sagt Ms. Johnson zu den Teilnehmenden »Dieses Thema ist komplex, aber ich glaube, dass jeder von euch das schaffen kann, wenn ihr euch nur genügend anstrengt. Wir werden es Schritt für Schritt durchgehen.«
- Unterstützung bieten: Sie erstellt eine Reihe von Übungsaufgaben mit zunehmendem Schwierigkeitsgrad, damit die Studierenden nach und nach Selbstvertrauen aufbauen können. Für jene Studierenden, die Probleme haben, stellt sie zusätzliche Ressourcen bereit und bietet Einzelunterricht an. Dabei betont sie, dass das Erfragen von Unterstützung ein Zeichen für ein wachstumsorientiertes Engagement ist.
- Feedback-Methoden: Bei der Bewertung von Laborberichten gibt Ms. Johnson spezifisches, prozessorientiertes Feedback. Anstatt Antworten nur als richtig oder falsch zu markieren, kommentiert sie den Denkprozess, z.B. »Der Ausgangspunkt deiner Hypothese ist gut durchdacht. Wie könntest du dies auf Basis der zusätzlichen Daten, die wir im Unterricht erörtert haben, noch weiter ausarbeiten?«
Die Entwicklung eines dynamischen wachstumsorientierten Selbstbildes erfolgt hier durch mehrere miteinander verbundene Bildungskomponenten:
- Gehirnforschung im Unterricht: Ms. Johnson nimmt das Thema Neuroplastizität in ihren Unterricht auf, um den Studierenden zu vermitteln, wie Lernen das Gehirn physisch verändert.
- Wachstumsorientierte Sprache: Sie benutzt konsequent Formulierungen wie »Noch nicht« statt »falsch« oder »Welche Strategien können wir als Nächstes ausprobieren?« statt non-verbales ›Mirroring‹, dass die Botschaft »Vielleicht ist das zu schwierig für dich« vermittelt.
- Aufgabengestaltung: Die Aufgaben sind so aufgebaut, dass sie die Entwicklung fördern, wobei Möglichkeiten zur Überarbeitung und Verbesserung in den Bewertungsprozess integriert sind.
- Bewertungsmethoden: Ms. Johnson führt neben herkömmlichen Tests auch Bewertungen der Mappen der Studenten durch, damit die Studierenden ihre Weiterentwicklung im Laufe der Zeit darstellen können.
- Reflexionsübungen: Nach jeder Einheit verfassen die Studierenden einen Tagebucheintrag, in dem sie ihren Lernprozess, die Herausforderungen und Strategien für zukünftige Verbesserungen reflektieren.
Diese Komponenten bilden zusammen einen fundierten Ansatz zur Mindset-Entwicklung, der das wachstumsorientierte Denken in allen Aspekten der Lernerfahrung stärkt.
Kommunikationsstrategien
Beispiele für wirksames Feedback
Wachstumsorientierte Kommunikation erfordert eine sorgfältige sprachliche Ausdrucksweise. Im Folgenden findet sich eine Reihe von Beispielen mit einer Gegenüberstellung eines Fixed Mindset und eines Growth Mindset:
- Über natürliche Begabung:
- Fixed: »Du bist ein Naturtalent darin!«
- Growth: »Deine harte Arbeit zahlt sich wirklich aus. Mit welcher Strategie hast du das Problem gelöst?«
- Über die abgeschlossene Arbeit:
- Fixed: »Das ist gut genug«
- Growth: »Du hast große Fortschritte gemacht. An welchen Stellen könntest du dich deiner Meinung nach noch verbessern?«
- Über Fehler:
- Fixed: »Das ist falsch. Gib dir beim nächsten Mal mehr Mühe.«
- Growth: »Betrachten wir diesen Fehler als Chance. Könntest du mir erläutern, was genau deine Überlegungen waren?«
- Über den Vergleich zu Kommilitonen:
- Fixed: »Schau mal, wie gut Sarah das gemacht hat. Warum kannst du das nicht auch?«
- Growth: »Sarah hat einen interessanten Ansatz gewählt. Was können wir von ihrer Herangehensweise lernen?«
- Über den Umgang mit Herausforderungen:
- Fixed: »Wenn es zu schwer ist, kannst du mit etwas anderem fortfahren.«
- Growth: »Das ist eine Herausforderung, aber Herausforderungen helfen unserem Gehirn, sich weiterzuentwickeln. Wir können die Aufgabe in kleinere Schritte aufteilen.«
Durchführung eines Workshops
In der Designlehre können wir mit den Studierenden einen einfachen 45-minütigen Workshop durchführen, um ihr Growth Mindset zu fördern:
- Frage zur Einstimmung: »Gibt es ein Wort, mit dem ihr das Gefühl beschreiben könnt, wenn ihr im Fachbereich Design eine neue Fähigkeit erlernt habt?« Die Studierenden benennen ihr Wort oder schreiben es auf Haftnotizen oder Tafel.
- Mikrovortrag: Definition von Fixed und Growth Mindset mithilfe von Bildmaterial. Kurze Erläuterung von Neuroplastizität (z.B. Londoner Taxifahrer) als wissenschaftliche Grundlage.
- Aufstehen oder sitzenbleiben für die jeweilige Annahme, welche Fähigkeiten angeboren oder erlernbar sind (siehe oben). »Welche Fragen haben dich überrascht? Welche Fähigkeiten hast du durch persönliche Anstrengung erlernt? Warum vertreten wir unterschiedliche Annahmen hinsichtlich des Erwerbs von Fähigkeiten?«
- Die oben beschriebenen Beispiele von Alex und Sam benutzen. Kurze Fallbeispiele oder Rollenspiele präsentieren: Alex gibt nach negativem Feedback in einer Bewertung auf. Sam nutzt Feedback, um sich zu verbessern und weiterzuentwickeln. Frage: »Mit wem könnt ihr euch jeweils eher identifizieren? Was würde Alex helfen, seine Einstellung zu ändern?«
- Neubetrachtung von Fehlern: Die Studierenden notieren einen Fehler, der ihnen bei einer Gestaltungsaufgabe unterlaufen ist bzw. eine Herausforderung, mit der sie sich konfrontiert gesehen haben. Daraufhin werden Fragen im Sinne eines Growth Mindset formuliert: »Was habe ich gelernt? Was könnte ich anders machen? Welche Strategien könnten beim nächsten Mal helfen?« Für eine Erörterung können optional Zweiergruppen gebildet werden.
- Frage für die abschließende Diskussion: »Was bedeutet es, im Bereich Design ein Growth Mindset zu haben?« Austeilen einer kurzen Zusammenfassung zum Thema Growth Mindset mit einfachen Formulierungen und wesentlichen Erkenntnissen.
Dieser Workshop kann zu Beginn des Semesters oder auch zu jedem anderen Zeitpunkt durchgeführt werden, um zu veranschaulichen, dass ein Mindset auf einer Überzeugung beruht und für eine bessere persönliche und berufliche Entwicklung verändert werden kann.
Schlussbemerkung
Die Umsetzung der Prinzipien für ein Growth Mindset erfordert eine fortwährende Aufmerksamkeit für eine auf Entwicklung zielende Sprache, für die Gestaltung von Aufgaben und die Art und Weise wie Feedback formuliert wird. Untersuchungen belegen, dass explizite Mindset-Interventionen die Leistungen von Studierenden signifikant verbessern, insbesondere in den Fachbereichen Design und Ingenieurwissenschaften. So hat man im Rahmen einer Studie an einer Technischen Hochschule herausgefunden, dass die Studierenden im Fachbereich Ingenieurwissenschaften, die über ein ganzes Semester hinweg an einer Veranstaltung zum Thema Growth Mindset teilgenommen hatten, im Vergleich zu einer Kontrollgruppe eine 15-prozentige Steigerung ihrer Problemlösungsfähigkeiten zeigten.
Der Schlüssel für eine erfolgreiche Umsetzung liegt darin, konstant hohe Erwartungen zu formulieren, während gleichzeitig geeignete Unterstützungsstrukturen bereitgestellt werden. Mit diesem Ansatz kann ein Umfeld geschaffen werden, in dem die Studierenden verstehen, dass Herausforderungen und Fehler wesentliche Bestandteile des Lernprozesses sind. Durch die konsequente Anwendung dieser Prinzipien können Lehrkräfte dafür sorgen, dass die Studierenden sich zu resilienten lebenslang Lernenden entwickeln, die der Komplexität einer sich ständig verändernden Welt gewachsen sind.
(Aktualisiert am 20. November 2025)

