Bildungsstiftung für wissenschaftliche Forschung & Lehre
EMOTIONALE INTELLIGENZ
#Vokabular #bewusste Entscheidung #Handlungsfähigkeit
Sara Canna
World Health Organization
Einführung: Die Bedeutung und Wirkung von Emotionen und emotionaler Intelligenz im Kontext von Lernprozessen und in der Designlehre
Emotionen und emotionale Intelligenz haben für Lernprozesse und in der Designausbildung eine grundlegende und auch transformative Bedeutung. Für diese Veranstaltung möchte ich insbesondere die folgende Frage zur Diskussion stellen: Was wäre, wenn Emotionen nicht nur eine Begleiterscheinung des Lernens wären, sondern ein maßgeblicher Faktor für Motivation?
Wir wollen im Rahmen dieses Beitrags daher über die Rolle von Emotionen beim Lernen und Lehren reflektieren. Bei der Durchsicht der Unterlagen für die Veranstaltung und Ihrer Biografien haben mich die formulierten Zielsetzungen wirklich sehr beeindruckt: Förderung von Neugier, Mentorschaft, ethisches Denken, Unterstützung bei der kreativen und persönlichen Weiterentwicklung, die Schaffung emotional komplexer und integrativer Lernumgebungen. Das sind nicht lediglich Unterrichtsstrategien, vielmehr emotionale Praktiken. Und sie erfordern emotionale Intelligenz.
Emotionale Intelligenz und eine Vision für die Designausbildung
Im Folgenden finden sich einige der von Ihnen formulierten gemeinsamen Zielsetzungen und Wertvorstellungen, die die sozial-emotionalen Aspekte des Lernens widerspiegeln:
- Ein Umfeld schaffen, das neugierig macht
- Mentorschaft aktiv aufgreifen
- Förderung von intrinsisch motivierten Erkundungen
- Förderung von kritischem Denken
- Raum für kreative und persönliche Entfaltung eröffnen
- Interdisziplinären Austausch und Zusammenarbeit stärken
- Die Designausbildung auf persönliche Weiterentwicklung und menschliche Verbundenheit ausrichten
- Studierende mit einem ethischen Kompass ausstatten
- Als gesellschaftliche Brückenbauer agieren
- Schaffung von sicheren Orten und intuitiven, emotional vielfältigen Umgebungen
Jeder dieser Aspekte beruht auf emotionalen Fähigkeiten: Aufmerksamkeit, Empathie, Präsenz, Vertrauen. Dafür braucht es Lehrende, die sich selbst gut einschätzen und sich auf andere einstimmen können und die eine Umgebung schaffen, in der sich die Studierenden sicher, gesehen und inspiriert fühlen, neues zu erkunden.
»Lernen ist an und für sich gesehen eine zutiefst emotionale Angelegenheit«, so die Worte des Kognitionswissenschaftlers Guy Claxton¹. Tatsächlich ist Lernen kein rein rationaler oder kognitiver, sondern ein äußerst relationaler und affektiver Prozess. Claxton unterstreicht in seiner Arbeit, dass Emotionen nicht etwa Begleiterscheinungen des Lernens sind, sondern ein wesentlicher Bestandteil davon. Lernen beruht auf sinnstiftenden Beziehungen: zwischen Lehrenden und Studierenden, unter Gleichaltrigen und in der inneren Auseinandersetzung des Lernenden mit sich selbst. Emotionen wirken sich auf die Aufmerksamkeit aus, sie beeinflussen das Gedächtnis und bestimmen, ob sich Studierende voller Neuguer einbringen oder sich zurückziehen, um sich zu schützen. In diesem Sinne sind Emotionen keine nebensächliche Begleiterscheinung des Lernens, sondern de facto seine Grundlage.
Dies gilt insbesondere für die Designausbildung, bei der persönliche Identität, soziale Anbindung und Austausch, Feedback, Kritik und Ambiguität in der Lernerfahrung und im kreativen und iterativen Designprozess fortwährend eine wichtige Rolle spielen. Die emotionalen Herausforderungen sind entsprechend hoch. Ein Aspekt der pädagogischen Verantwortung der Lehrenden besteht darin, die Studierenden angesichts dieser emotionalen Anforderungen zu begleiten, und zwar nicht indem sie ihnen das Unbehagen nehmen, sondern indem sie eine psychologisch und emotional sichere Grundlage schaffen, die Resilienz, Reflexion und einer Weiterentwicklung zuträglich ist².
Die Ausstrahlung der Lehrenden im Seminarraum – ihr Tonfall, die Körpersprache, und die innere emotionale Verfassung wirken sich unweigerlich auf die emotionale Atmosphäre aus. Emotionen sind ausgesprochen ansteckend und übertragen sich, ohne dass es der betreffenden Person bewusst ist, rasch auf soziale Umgebungen wie beispielsweise Seminarräume oder Ateliers³. Lehrende beeinflussen, ob absichtlich oder unabsichtlich, wie die Studierenden sich selbst, ihre Arbeit und den Lernprozess wahrnehmen. Es ist daher nicht nur eine Frage der persönlichen Entwicklung, ob man als Lehrender auf eine entsprechende emotionale Bewusstheit und Intentionalität achtet, es ist vielmehr im beruflichen und pädagogischen Kontext ein Gebot.
Was ist emotionale Intelligenz?
Der Begriff der emotionalen Intelligenz wurde erstmals 1990 von Peter Salovey und John Mayer eingeführt, die ihn wie folgt definierten: »Die Fähigkeit Emotionen wahrzunehmen und zum Ausdruck zu bringen, Emotionen in Gedanken zu verarbeiten, Emotionen zu verstehen und daraus Schlüsse zu ziehen sowie Emotionen bei sich selbst und anderen zu regulieren«⁵.
Mit dieser Definition werden sowohl die Ebenen von Denken und Fühlen thematisiert als auch die individuellen und sozialen Komponenten von emotionaler Intelligenz.
Daniel Goleman hat den Terminus später erweitert, insbesondere in Bezug auf den Kontext von Bildung und Menschenführung, und ihn wie folgt definiert: »Die Fähigkeit, die eigenen und die Gefühle anderer zu erkennen, sich selbst zu motivieren und mit den eigenen und den Emotionen anderer gut umgehen zu können«⁶.
Emotionale Intelligenz schließt kognitive als auch affektive Fähigkeiten ein. Sie bezeichnet die Art und Weise, wie wir mit unserem inneren Erleben umgehen und wie wir mit anderen in Kontakt treten. Beides sind wesentliche Aspekte des Lehrens und Lernens.
Emotionen sind für sich gesehen nicht abstrakt, vielmehr handelt es sich um neurochemische Signale, die unsere Aufmerksamkeit steuern, unser Urteilsvermögen und unser Verhalten beeinflussen⁷. Es sind Daten. Das Verständnis und die Nutzung dieser Daten tragen dazu bei, dass Lehrende effektiv unterrichten und Designer Entwürfe entwickeln können, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen.
Emotionale Intelligenz im Zeitalter der künstlichen Intelligenz
Als ich ChatGPT die Frage stellte, welchen Vorteil wir als Menschen gegenüber der künstlichen Intelligenz haben, erhielt ich eine überraschende Antwort. Die künstliche Intelligenz sei uns zwar offenkundig in der Verarbeitung und im Abruf von Daten überlegen, aber der Mensch habe in einer von Algorithmen gesteuerten Welt einen entscheidenden Vorteil: das Vermögen emotionale Intelligenz zu verstehen und anzuwenden. Fähigkeiten wie Empathie, Kreativität, Kommunikation und ethisches Denken bleiben spezifische Stärken von Menschen.
Vor allem die Designausbildung ist auf diesen Vorteil angewiesen, denn emotionale Intelligenz verbessert unsere Fähigkeit:
- Nutzer zu verstehen
- ein empathisches Design zu schaffen
- mit Feedback und Kritik umzugehen
- mit Konflikten umzugehen
- in Teams zusammenzuarbeiten
- Vertrauen und psychologische Sicherheit in Teams aufzubauen
Im Prinzip ist emotionale Intelligenz der Kern eines sinnvollen und auf den Menschen ausgerichteten Designs.
Als Lehrende im Bereich Design agieren Sie bereits auf der Basis emotionaler Intelligenz, vielleicht sogar, ohne es zu merken. Indem man die Studierenden dazu anleitet, etwas zu gestalten, was ästhetisch, sinnstiftend und innovativ ist, werden Emotionen geweckt, d.h. die eigene Arbeit beruht bereits auf dieser emotionalen Tiefgründigkeit.
Ein praktischer Rahmen: Das ‚Six Seconds Modell‘
Um emotionale Intelligenz stärker in die Unterrichtspraxis einzubeziehen, bietet sich das K-C-G Model⁸ an, das von Six Seconds, dem weltweit größten Netzwerk für emotionale Intelligenz, entwickelt wurde. Dieses Modell eröffnet einen klar definierten und flexiblen Rahmen, der auf drei miteinander verknüpften Zielsetzungen beruht:
- Know Yourself (K) – (dt. sich selbst kennen) Optimierung der Selbstwahrnehmung (klar erkennen, was man fühlt und tut)
- Choose Yourself (C) – (dt. gezielt entscheiden) Stärkung des Selbstmanagements (das tun, was man zu tun vor hat)
- Give Yourself (G) – (dt. sich einbringen) Handlungen auf Empathie und Zielsetzung ausrichten (Aus gutem Grund etwas tun)
Diese drei Handlungsaspekte haben einen zyklischen und dynamischen Charakter und spiegeln den iterativen Moment des Designprozesses selbst: beobachten, analysieren, reagieren.
- Know Yourself – Die Grundlage der Selbstwahrnehmung
Selbstwahrnehmung ist der Ausgangspunkt emotionaler Intelligenz. Das bedeutet, wir müssen erkennen, was wir fühlen und warum.
Das Gedicht »Das Gasthaus« des persischen Dichters Rumi aus dem 13. Jahrhundert erinnert uns daran, alle Emotionen, angenehme als auch unangenehme, als wertvolle Lernerfahrungen zuzulassen. Es ermutigt uns, den in uns aufkommenden Gedanken und Emotionen nicht mit Widerstand zu begegnen, sondern sie mit Mut, Wärme und Respekt anzunehmen, da jegliche Emotion immer auch ein Geschenk darstellt.
Hilfsmittel wie das Rad der Emotionen¹⁰, das der amerikanische Psychologe Robert Plutchik 1980 entwickelt hat, können uns helfen, unser emotionales Vokabular zu erweitern und emotionale Intensitäten und Zwischentöne besser zu verstehen. Emotionen sind Daten und das Plutchik-Rad bzw. das Rad der Emotionen ist äußerst hilfreich, um Gefühle zu ergründen und unsere emotionale Kompetenz zu erweitern – eine der Grundlagen in der praktischen Umsetzung von emotionaler Intelligenz.
Neurowissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass das einfache Benennen unserer Emotionen hilft, die emotionale Reaktivität zu reduzieren und die Emotionsregulation zu verbessern⁹. Diese Erkenntnis kommt auch in folgender Redewendung zum Ausdruck: »Name it to tame it« (dt. Benenne sie, um sie zu zügeln).
Wenn Studierenden in der Praxis die emotionalen Aspekte ihrer Gestaltungsprozesse vor Augen geführt werden, wie z.B. Angst vor Kritik, Frustration angesichts von Unklarheiten oder die Freude an Erkundungen, kann ein stärker auf Resilienz und Reflexion ausgerichtetes Lernklima entstehen. Wenn wir sagen »Du scheinst etwas überwältigt zu sein« oder »Dieser Teil deiner Arbeit wirkt fröhlich« geben wir ein Beispiel für emotionale Ausdrucksfähigkeit und fördern ein psychologisch sicheres Umfeld.
Lernen wird stark von unserem emotionalen und physiologischen Zustand beeinflusst: Wenn wir uns sicher, einbezogen und unterstützt fühlen, ist unser Gehirn aufnahmefähiger und wir können Wissensinhalte sehr viel besser aufnehmen und behalten. Es ist eine der zentralen Aufgaben von Lehrenden ein solches sicheres und offenes Lernumfeld zu gestalten – emotionale Intelligenz ist in diesem Zusammenhang unverzichtbar und äußerst hilfreich.
- Choose Yourself – Vom Impuls zur Absicht
Bei diesem Punkt geht es um emotionale Handlungsfähigkeit: den Umgang mit emotionaler Energie und die Entscheidung wie man darauf reagiert. Dazu gehören vier Schlüsselkompetenzen:
- Folgerichtig denken – Vorteile und Nachteile der eigenen Entscheidung abwägen
- Umgang mit Emotionen – Emotionen als strategische Ressource bewerten und nutzen
- Intrinsische Motivation einbringen – Energie aus persönlichen Wertvorstellungen & Überzeugungen schöpfen, anstatt sich von externen Einflüssen beeinflussen zu lassen
- Optimistisch agieren – Tägliche Entscheidungen mit den übergreifenden Zielvorstellungen verknüpfen
Aufgrund von Deadlines, Kritik, Unsicherheit und Gruppendynamik kann es im Designunterricht zu einer emotionalen Volatilität kommen. Wenn man Studierenden vermittelt, wie wichtig es ist, im entscheidenden Moment innezuhalten und bewusst zu reagieren, anstatt einem gefühlten Impuls zu folgen, fördert man ihre emotionale Flexibilität und ihr kreatives Selbstvertrauen nachhaltig.
- Give Yourself – Empathie und Zielvorstellung umsetzen
Dieser Punkt führt uns von uns selbst zu anderen. Er umfasst Aspekte der emotionalen Intelligenz wie:
- Empathischer agieren – Emotionen erkennen, einen Bezug herstellen und angemessen reagieren
- Gute Absichten verfolgen – Leben in Übereinstimmung mit persönlichen Überzeugungen und Wertvorstellungen
Empathie verbindet und ist für ein Design, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt, wesentlich – als Widerspiegelung von Emotionen und auch als Design, das Emotionen weckt. Als immanent soziale Wesen lernen wir nicht nur durch Information, sondern auch durch Beobachtung, Nachahmung und Interaktion mit anderen. Die Ausstrahlung der Lehrkraft, ihre Haltung, ihr Verhalten und ihr emotionales Engagement sind ein häufig unterschätzter pädagogischer Faktor, der sich darauf auswirkt, wie Studierende Wissensinhalte aufnehmen und verinnerlichen.
Die Wertvorstellungen, das Verhalten und die Art und Weise wie Lehrende den Studierenden zuhören, sie herausfordern und unterstützen, wirken sich immerzu auf die Lernatmosphäre aus und insbesondere auch auf die Fähigkeit Wissen zu erwerben und sich weiterzuentwickeln, auch weit über den Lehrplan hinaus.
Positive Grundüberzeugungen sind für Lehrende und Lernende sinnstiftend und sorgen dafür, dass ihr Handeln klar und bedeutungsvoll ist. Sie dienen uns als Kompass, der uns daran erinnert, warum wir lehren, was wir bewirken oder welches Vermächtnis wir weiterreichen wollen und wie unsere kreative Praxis mit Wertvorstellungen in einem weiteren Sinne, wie beispielsweise mit Gleichstellung, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit oder Heilung, in Einklang gebracht werden kann. Auf diese Weise ist Lehren nicht nur Wissenstransfer, sondern ein Beitrag zu etwas, das größer ist als wir selbst – ein Beitrag, der weit über die unmittelbare Lernumgebung hinauswirkt. Wenn wir unseren Emotionen Beachtung schenken und uns von unserer emotionalen Intelligenz leiten lassen, schaffen wir die Möglichkeit von Lernerfahrungen, die nicht nur intellektuell anregend und komplex sind, sondern auch zutiefst menschlich, zielführend und transformativ. Wir sollten mit einem klaren Ziel vor Augen, mit Mitgefühl und Mut lehren und gestalten und somit zu einer Zukunft beitragen, in die wir gerne unseren Blick richten.
(Aktualisiert am 20. November 2025)

