Bildungsstiftung für wissenschaftliche Forschung & Lehre
INNOVATION FÜR DIE GESUNDHEIT UNSERES PLANETEN
#Regeneration #System #Mitgestaltung
Dr. Delfina Fantini van Ditmar
Royal College of Art, London; Centre of Applied Research for Art,
Design and Technology (CARADT), Netherlands
Regeneratives Design
Regeneratives Design zielt nicht nur auf eine Minimierung von negativen Auswirkungen oder eine Sicherung des Status quo, vielmehr geht es darum, die Gesundheit von Menschen und Umwelt aktiv wiederherzustellen und zu verbessern (Reed, 2007).1 Dieser transformative Ansatz beinhaltet ein betont systemisches Denken und die Fähigkeit, radikal andere Zukunftsszenarien zu entwerfen, die über die Grenzen inkrementeller Innovationen hinausgehen.
Im Fokus von regenerativem Design steht die Entwicklung einer ganzheitlichen Betrachtung eines bestimmten Ortes, um Maßnahmen zu definieren, die das systemische Potenzial maximieren, während diejenigen berücksichtigt werden, die diese Initiative maßgeblich begleiten werden. Mang und Reed (2020) weisen auf die entscheidende Frage in diesem Zusammenhang hin, nämlich »welches Potenzial wohnt einem lebendigen System inne? Denn dieses Potenzial ist der Treibstoff für Regeneration – das beständige Streben nach mehr Ganzheitlichkeit und mehr Lebendigkeit«2.
Natur und Systeme verstehen
Die westliche Vorstellung von Natur als etwas vom Menschen Getrenntes hat eine ausgesprochen verengte Betrachtung von Design und Innovation bestärkt, wobei kurzfristige Visionen und technologische Fortschritte gegenüber ganzheitlichen ökologischen Ansätzen priorisiert werden. Wir müssen diese Haltung dringend verändern und anerkennen, dass Menschen ein wesentlicher Teil der Natur sind.
Es gilt jene Beziehungen zu pflegen, die auf die Erhaltung von Leben und Ökosystemen angelegt sind, anstatt weiter der Überzeugung anzuhängen, dass wir außerhalb dieser Natur stehen oder ihr überlegen sind. Daniel Wahl (2016) weist diesbezüglich auf die Notwendigkeit hin, dass wir eine grundlegende Umgestaltung unserer Produktions- und Konsumsysteme brauchen, um sie an Bioregionen und ökologische Prinzipien anpassen zu können3.
Grundsätze eines regenerativen Designs
Regeneratives Design entspricht natürlichen Lebensprinzipien und geht über Nachhaltigkeit hinaus, um die Gesundheit des Ökosystems aktiv wiederherzustellen (Wahl, 2016). Dieser Ansatz erfordert:
- Die Entwicklung eines gesundheitsförderlichen (salutogenen) Designs als operativer Imperativ;
- Design, welches das Wohlbefinden des Menschen, des Ökosystems und des Planeten gleichermaßen berücksichtigt;
- Förderung lokaler, regenerativer Kulturen und Wertschätzung des Wissens unserer Vorfahren;
- Verantwortung für ganze Systeme, sowohl für menschliche als auch nicht-menschliche Stakeholder, übernehmen;
- Vorherrschende Annahmen zum aktuellen Lebensstil hinterfragen und regenerative Alternativen anbieten.
Fallstudien im Bereich regenerativer Innovation
KI-gestützte bestäuberfreundliche Gärten
Daisy Ginsbergs Projekt ›Pollinator Pathmaker‹ zeigt auf welche Weise KI durch einen More-than-human-Ansatz zur ökologischen Wiederherstellung beitragen kann. Mit dem System werden individuelle bestäuberfreundliche Gartenentwürfe generiert, wobei die KI die Pflanzenauswahl auf der Basis der spezifischen Standortbedingungen optimiert.
Regenerativer Baumwollanbau
Das von Absolventen der RCA ins Leben gerufene Projekt Materra setzt auf eine Zusammenarbeit mit indischen Bauern, um den Übergang von der konventionellen, chemiebasierten zu einer regenerativen Baumwollproduktion zu vollziehen. Der innovative Ansatz umfasst:
- Die Ausbildung der Bauern in regenerativen Praktiken;
- Die direkte Vernetzung der Bauern mit Abnehmern von regenerativer Baumwolle;
- Die Entwicklung einer mehrsprachigen Support-App, die Unterstützung in Echtzeit und LCA-Daten biete.
Myzelbestattung
Der lebendige Kokon von Loop aus Pilzen und Hanffasern beruht auf einer innovativen Designidee für Bestattungen. Der Sarg wird innerhalb von 45 Tagen biologisch abgebaut und fördert gleichzeitig die Biodiversität des Bodens.
Regenerative Fasern als Dämmstoff
Das von Absolventen der RCA gegründete Unternehmen für Biomaterialien Ponda entwickelt innovative Textilien durch regenerative Faserverarbeitungsverfahren. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Regeneration geschädigter Feuchtgebiete. In Zusammenarbeit mit Landwirten wird Typha latifolia auf der Basis von Paludikultur angebaut, ein Verfahren, dass die Zerstörung von Torfmooren verhindert, die wertvolle Kohlenstoffsenken sind. Die Fasern der Samenstände von Typha latifolia dienen in der Textilindustrie als hochwertiger Dämmstoff und bieten eine Alternative zu Federn und synthetischen Materialien.
Regeneratives Design als Thema in der Designausbildung
In einer Reihe von Workshops als Teil des MA -Studiengangs Fashion am Royal College of Art wurde gezeigt, wie Prinzipien von regenerativem Design in die Designausbildung einbezogen werden können:
Awareness-Übung zum Thema Material- und Lieferketten
Die Studierenden untersuchen ihre eigene Kleidung, um die Materialzusammensetzung und Lieferketten zu erkunden. Unter den Studierenden im Fachbereich Design gibt es diesbezüglich Wissenslücken.
Workshop zur Regionalität von Lebensmitteln
Eine praktische Übung, bei der die Beschaffung von Lebensmitteln auf einen Radius von 20 Kilometern beschränkt wird, um die Herausforderungen
und Möglichkeiten einer Versorgung mit regionalen Lebensmitteln aufzuzeigen und kreative Ansätze zu Regionalität zu fördern.
Workshop zur Lebenszyklusanalyse
In Zusammenarbeit mit Green Story, einer digitalen Plattform, die umfassende Daten zu den Umweltauswirkungen von Produkten über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg bereitstellt, wurden die Studierenden in die Lebenszyklusbewertung (LCA) von Kleidungsstücken von der Herstellung bis zur Entsorgung eingeführt. In einem ersten Schritt wurde
den Studierenden ein Überblick über die Ökobilanzen im Textil- und Modesektor gegeben, gefolgt von
einer praktischen Übung, bei der sie mit der Software von Green Story gearbeitet und wesentliche Daten
zu Lieferketten eingegeben haben. Die Software stellt die Umweltauswirkungen verschiedener Materialien dar sowie den Unterschied zwischen globalen
und regionalen Lieferketten, sodass die Studierenden die Auswirkungen ihrer Entscheidungen kritisch bewerten konnten. Durch den Workshop LCA
von Green Story wurde deutlich, wie wichtig es ist, die Umweltbelastungen in jeder Phase des Lebenszyklus von Kleidungsstücken zu bewerten, um ein tieferes Verständnis für ökologischere Designpraktiken entwickeln zu können. Es löste auch kritische Reflexionen über die Grenzen der LCA-Metriken aus, wenn es darum geht, die gesamte Komplexität der ökologischen und sozialen Dimensionen innerhalb von Designprozessen zu erfassen.
Besuch einer Farm für regenerativen Hanfanbau
Im Rahmen eines Besuchs von Margent Farm (einer Farm für regenerativen Hanfanbau) lernten die Studierenden regenerative Prinzipien in der praktischen Umsetzung kennen. Durch eine Verbindung zwischen regenerativen Verfahren in der Landwirtschaft und Design können Fasern zu Biomaterialien für Architektur, Design und Mode verarbeitet werden. Der Besuch umfasste auch eine Besichtigung von Paloma Gormleys »Flat House«, das durch den Einsatz von Hanffasern und die Umsetzung ökologischer Designprinzipien für einen regenerativen Ansatz beispielhaft ist. Außerdem wurde den Studierenden veranschaulicht, wie die innovative Produktion von Wellplatten aus Hanffasern funktioniert, die vor Ort hergestellt und mit einem zuckerbasierten Harz gebunden werden, der vollständig aus landwirtschaftlichen Abfällen gewonnen wird.
Die Bedeutung von regenerativen Designinnovationen
In der Designausbildung kann regeneratives Denken auf einzigartige Weise gefördert werden, und zwar durch:
- Erfahrungsorientiertes und verkörpertes Lernen, das mehrere Sinne anspricht;
- Die Weiterentwicklung der Fähigkeit für kritisches Denken und Reflexion;
- Vertiefung eines Verständnisses für komplexe Systeme,
- Kreative Visionierung von alternativen Zukunftsszenarien auf der Basis des Futuring lokaler Kulturen und More-than-human-Ansätzen.
Die Einbeziehung regenerativer Prinzipien in die Designausbildung eröffnet Möglichkeiten für Innovationen, die sowohl menschlichen als auch natürlichen Systemen zugutekommen und gleichzeitig die wirtschaftliche Tragfähigkeit sicherstellen.
Workshop
Wie können die Lehrpläne in der Designausbildung besser auf regenerative Strategien ausgerichtet werden?
Kontext: Industriedesign
1. Kernfragen
- Was sind die wichtigsten Veränderungen, die für eine Anpassung der Lehrpläne im Fachbereich Design erforderlich sind?
- An welchen Stellen wären Ihres Erachtens regenerative Maßnahmen möglich (um Umwelt und Gesellschaft etwas zurückzugeben)?
- Erklären Sie, warum auf regeneratives Design ausgerichtete Lehrpläne eine Wertschätzung und Fürsorge von bzw. für Gemeinschaften und Natur darstellen.
2. Fragen zur Umsetzung
- Welche Experten, die keine Designer sind, würden Sie hinzuziehen? Warum?
- Wie würden Sie die Bereiche Systemkompetenz und verkörperte Bildung angehen?
3. Zeichnen / skizzieren Sie die Antwort
(Aktualisiert am 20. November 2025)

