INNOVATION ÜBER DISZIPLINGRENZEN HINAUS

#Prozessoffenheit  #Fragen  #Transdisziplinarität

Prof. Dr. Gareth Loudon
Light Minds

Ein neuer Ansatz für einen Wandel im Bildungswesen  

In den Bereichen Innovation und Designlehre ist eine rasante Entwicklung zu beobachten, die vor allem in der Notwendigkeit begründet liegt, Strategien für einen Umgang mit den komplexen globalen Herausforderungen zu finden. Die Innovation in der Designlehre geht weit über die herkömmlichen Grenzen der Disziplinen hinaus, wie das wegbereitende Projekt am Royal College of Art zeigt. Mit zwei speziellen Masterstudiengängen – ›Global Innovation Design‹ und ›Innovation Design Engineering‹ wurden als Reaktion auf die komplexen Anforderungen im globalen Kontext neue paradigmatische Maßstäbe in der interdisziplinären Hochschulbildung gesetzt.     

Moderne Innovation verstehen: Das Problem des Qualifikationsdefizits

Die auf dem Weltwirtschaftsforum definierten notwendigen ›Future Skills‹ bzw. zukunftsweisenden Kompetenzen, darunter analytisches Denken und technologische Kompetenz, unterstreichen einen grundlegenden Wandel in unserem Umgang mit Innovation. Angesichts der zunehmenden Verflechtung der globalen Herausforderungen erweisen sich solche Fähigkeiten als besonders wichtig und es gilt Lösungsstrategien zu finden, die über Ansätze hinausgehen, die nur eine Disziplin als Ausgangspunkt haben

Der Übergang von multidisziplinären zu transdisziplinären Ansätzen kennzeichnet einen bedeutenden Fortschritt im Bildungsbereich Innovation. Während die multidisziplinäre Zusammenarbeit die Koexistenz verschiedener Disziplinen vorsieht, werden bei interdisziplinären Ansätzen Methoden und Denkweisen aus verschiedensten Bereichen zusammengeführt. Bei der transdisziplinären Innovation sind diese Grenzen völlig aufgehoben und es werden grundlegend neue methodische Rahmenbedingungen geschaffen. Diese Entwicklung birgt erhebliche Herausforderungen. Teams müssen kulturelle Unterschiede zwischen den Fachbereichen überbrücken, verschiedene Methoden miteinander in Einklang bringen und eine gemeinsame Sprache finden. Dabei erweist es sich als besonders schwierig, Vertrauen zwischen den wissenschaftlichen Vertretern der einzelnen Fachbereiche herzustellen, insbesondere wenn MINT-Bereiche und andere Disziplinen einbezogen werden. 

Der ›T-Shaped Professional‹

Vor zwanzig Jahren entstand die Idee des T-förmigen Qualifikationsprofils, welches 2010 dann auch vom britischen Design Council aufgegriffen wurde. Die entsprechenden Personen verfügen sowohl über tiefgehende Fachkenntnisse in einem bestimmten Gebiet (der vertikale Strich des T) als auch die Fähigkeit und das Wissen, um fachübergreifend zu kooperieren (der obere, horizontale Strich des T). Bei diesem Modell liegt der Fokus auf der Bedeutung interdisziplinärer Kompetenzen, während gleichzeitig der Notwendigkeit speziellen Fachwissens Rechnung getragen wird. 

Das LCD Modell: Neudefinition von Innovationsprozessen

Ein bestimmender Faktor im modernen Bildungsbereich Innovation ist das LCD-Modell (Listen, Connect, Do), das den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Bei diesem Ansatz wird das Augenmerk auf die Bedeutung von Zweckhaftigkeit, Neugier und Empathie gelegt, während zugleich die analytische Exaktheit gewahrt bleibt. Das Modell trägt dem Umstand Rechnung, dass Innovation grundsätzlich ungeordnet und nicht linear verläuft, was von den beteiligten Wissenschaftlern verlangt, dass sie sich mit Spontaneität und Experimentiergeist in komplexen Räumen bewegen können. 

›Innovation Design Engineering‹ in der Praxis   

Das ›IDE Program‹, welches aus einer nun 44-jährigen Kooperation des Royal College of Art und des Imperial College London hervorgegangen ist, baut auf diesem innovativen Ansatz auf. Die Studierenden durchlaufen drei unterschiedliche Phasen: Zu Beginn eignen sie sich grundlegende Fähigkeiten an, es folgen Vertiefung und Reflexion, und am Ende stehen eigenständige Projekte. Der große Vorteil dieses Studienangebots besteht darin, dass hier jedes Jahr eine ausgesprochen vielfältige Studentenschaft von 63 Studierenden aus den unterschiedlichsten Disziplinen und kulturellen Kontexten zusammenkommt.

Fallstudien zu studentischer Innovation  

Die jüngsten studentischen Projekte zeigen, wie wirkungsvoll dieser interdisziplinäre Ansatz ist. Im Rahmen des Projekts Tyre Collective wurde beispielsweise eine wegweisende Lösung für das Auffangen von Reifenabriebpartikeln entwickelt, wodurch 80 Prozent der Schadstoffe direkt an der Quelle abgefangen werden können. Für das Projekt konnten Finanzmittel von 1 Million britische Pfund eingeworben werden, was verdeutlicht wie groß der Effekt von interdisziplinärem Denken im Alltag tatsächlich sein kann.

Mit Pulpatronics wurde die RFID-Technologie revolutioniert, indem unter Verwendung von speziellem Papier und Lasertechnologie metallfreie Tags ohne Chip entwickelt wurden. Diese Innovation hilft Elektronikabfall zu reduzieren, während zugleich eine wesentliche Funktion für die Bestandsverwaltung gewährleistet ist.

Ein ähnlicher Erfolg ist Notpla im Hinblick auf die Entwicklung biologisch abbaubarer Verpackungsalternativen. Für das Projekt wurden kürzlich 25 Millionen US-Dollar an Fördermitteln eingeworben, wodurch das langfristige Potenzial solcher innovativer Ideen einmal mehr deutlich wird.   

Die Rolle der Technologie im Bildungsbereich Innovation  

Künstliche Intelligenz hat sich als leistungsstarkes Instrument im Hochschulbereich Innovation erwiesen. Die erfolgreiche Fertigstellung eines technischen Projekts eines Studierenden aus dem Fachbereich Anthropologie auf der Grundlage einer KI-gestützten Codegenerierung zeigt, wie Technologie dabei hilft, herkömmliche Unterschiede zwischen den Disziplinen zu überbrücken. KI-Werkzeuge stellen nicht etwa eine Bedrohung für Innovation dar, sie demokratisieren vielmehr die technologische Entwicklung und beschleunigen Lernprozesse. 

Die Stärke des ›IDE Program‹ verdankt sich seiner interaktiven Lernumgebung. Durch praktisches Experimentieren und nichtlineare Lernprozesse entwickeln die Studierenden ein tiefes Verständnis für Innovation. Die Möglichkeit, ihre eigenen Projekte auszuwählen und zu gestalten, fördert ihre Selbstständigkeit und ihre Kreativität. Von großer Bedeutung ist auch das gute Alumni-Netzwerk, das einen kontinuierlichen Wissensaustausch eröffnet. So hat beispielsweise Rodrigo von Notpla als ehemaliger Absolvent die Studierenden bei ihren aktuellen Projekten unterstützt, was den langfristigen Effekt dieses Studienangebots unterstreicht.   

Entwicklung der Lehre und Zukunftsperspektiven

Im Rahmen von interaktiven Diskussionen, haben die Dozenten und Teilnehmenden neue Konzepte wie den Bauhaus 4.0 Ansatz erprobt, bei dem der Fokus auf persönliches Wachstum und immaterielle Objekte in der Designlehre gelegt wird. Der Dialog hat wichtige Erkenntnisse in Bezug auf soziale Innovation, die erneute Förderung von Kreativität und die Ausgewogenheit von Struktur und Freiheit in der Hochschullehre ergeben.

Bestimmte Herausforderungen bleiben jedoch bestehen, wie zum Beispiel die gesellschaftliche Akzeptanz innovativer Lehrkonzepte sowie Finanzierungsengpässe. Der Erfolg von Studienprogrammen wie IDE zeigt jedoch, dass die Kombination verschiedener Disziplinen, Technologien und Methodologien Studierende auf sehr effektive Weise auf den Umgang mit globalen Herausforderungen vorbereiten kann, während zugleich individuelle Kreativität und Zweckhaftigkeit gewahrt bleiben. 

Die Zukunft der Innovationslehre liegt in der sorgfältigen Austarierung des fragilen Gleichgewichts zwischen individuellem Handlungsspielraum und gemeinschaftlichem Lernen, zwischen technischer Kompetenz und kreativer Erkundung. Angesichts der zunehmenden Komplexität der globalen Herausforderungen ist dieser Bildungsansatz nicht nur nützlich, sondern unverzichtbar, wenn wir die nächste Generation von Innovatoren ausbilden wollen, die dann das Vermögen haben, einen sinnhaften Wandel in der Welt herbeizuführen.

Workshop

Erste Übung: Der Idealfall, Sie müssen sich keine Sorgen machen. Sie können ein von Grund auf neu konzipiertes universitäres Innovationsprogramm entwickeln (Master oder Bachelor):

Was ist die Struktur?

Warum ist die Struktur so, wie sie ist?

Wer ist beteiligt?

Zweite Übung sobald diese Aufgabe erfüllt ist:

Was könnten mögliche Hindernisse sein?

Welche Schritte müssen zuerst erfolgen (um diese Hindernisse zu überwinden)?

(Aktualisiert am 20. November 2025)