Bildungsstiftung für wissenschaftliche Forschung & Lehre
KREATIVITÄT IM KÖRPER
#Sein #Natur #Atmen
Maarten Hemmen
Maarten’s Mind
1 Einführung
Über Kreativität zu schreiben, erscheint mir eigentlich fast unmöglich. Die einfache Tätigkeit, Wörter zu einem kohärenten und sinnvollen Text aneinanderzureihen widerstrebt mir in meinem Innersten, läuft sie doch jeglicher Kreativität zuwider. Ich sehe Farben, nehme Energieflüsse und den Geruch der Luft da draußen wahr und bewege mich entsprechend. Ich glaube, wir können vor allem dann unser kreatives Potenzial vollständig ausschöpfen, wenn wir nicht darüber reden – wenn wir uns dem Moment hingeben, ihn verstreichen lassen, ohne ihn strukturieren zu wollen oder vielleicht sogar, ohne auf ihn zu reagieren. Ich finde es zunehmend schwer nachvollziehbar, wenn Menschen Absolutheitsansprüche formulieren. Ähnlich schwierig ist es für mich mitanzusehen, wenn sie acht Stunden lang auf grauen Stühlen sitzen und über Kreativität diskutieren. 🙂
Ich habe versucht, meine eher unakademische Sicht auf die Welt, auf Bildung und zwischenmenschliche Beziehungen zu vermitteln und werde dies nun hier auch in Textform versuchen. Sehen Sie es mir bitte nach, wenn ich mich dabei unverständlich ausdrücken sollte, Sie gar langweile oder Ihnen auf die Füße trete.
»Cogito, ergo sum« – Ich denke, also bin ich – mit seiner berühmten Redewendung hat René Descartes das Chaos und die Vergänglichkeit des Körperlichen eindeutig der Reinheit des Geistes untergeordnet. Kreativität beginnt für mich damit, dass wir – wenn ich das so sagen darf – das Chaos und die Vergänglichkeit unseres menschlichen Körpers annehmen. Alles andere würde uns nur noch weiter von der natürlichen Welt entfernen. Mein Leben ist eng mit der Komplexität der Natur und allen ihren Wundern verwoben. Ich spüre eine innere Verbundenheit zu den verzweigten Wasserläufen und unterirdischen Geflechten der Myzelien. Es gibt einen guten Grund, warum wir die Muster unseres Nervensystems in den topografisch ausufernden Linien von tiefen Bergschluchten oder den Verästelungen von Bäumen wiedererkennen können. Unsere Nerven, Faszien, Venen – sie alle sind ein Spiegel der Natur.
Die Natur ist auf ihre ganz eigene Art kreativ. Wenn wir versuchen, diesen Prozess einer theoretischen Analyse zu unterziehen, während wir unseren Körper in seiner kreativen Ursprünglichkeit ignorieren, bewegen wir uns meines Erachtens nur im Kreis.
2 Kreativität in der Theorie
Was ist Kreativität und warum ist sie weit über künstlerisches Schaffen oder intelligente Lösungsfindungen hinaus von Bedeutung? In einer Welt, die zunehmend auf Systemen, Prozessen, Rahmenkonzepten, Dogmen und Machtspielen basiert, wird Kreativität oft als Schaffensakt oder Neuheit missverstanden. Ich glaube jedoch, dass wahre Kreativität viel tiefer geht –
sie hängt nicht davon ab, was wir tun, sondern wie wir leben. Eine grundlegende Form von Kreativität umfasst für mich Aufmerksamkeit, Neugier, Mut und
eine Verbundenheit mit dem eigenen Körper und der Umwelt. Es geht darum, mit welcher Haltung oder wie wir den Tag beginnen oder ausklingen lassen. Wenn diese Dinge zur Gewohnheit werden, geht uns ein Teil unserer Kreativität verloren.
In meinem jüngsten Workshop für die IF Design Foundation habe ich die Vorstellung in Frage gestellt, dass Kreativität in erster Linie eine mentale oder methodische Aufgabe ist – insbesondere nachdem die Beteiligten dabei acht Stunden lang auf ihren grauen Stühlen gesessen haben. Viele Pädagogen und Fachleute in der Kreativwirtschaft arbeiten meiner Meinung nach auf eine völlig unkreative Weise. Sie sprechen zwar von Innovation, ihre Körper erzählen jedoch eine andere Geschichte.
Ich gehe von der Annahme aus, dass Kreativität einen ganz anderen Ursprung hat, als die meisten vermuten – sie beginnt nicht im Kopf oder auf dem Papier, sondern im Körper. Die Art und Weise, wie wir unseren Körper behandeln und mit ihm umgehen, ist der erste eigentliche kreative Akt. Sie wirkt sich auf unseren inneren Zustand, unsere Wahrnehmung der Welt und letztlich auch auf unsere Fähigkeit aus, uns mit dieser in neuer und fantasievoller Form auseinanderzusetzen. In einer Zeit, in der wir immer wieder gezwungen sind, uns im Gleichschritt mit anderen zu bewegen – was häufig von Angst. Wut, Verbitterung begleitet ist – ist diese Fähigkeit dringend erforderlich.
Vielleicht würde ich in diesem Zusammenhang von somatischer Kreativität sprechen wollen – wobei somatisch bedeutet, dass man seine Aufmerksamkeit geduldig darauf richtet, wie sich der Körper bewegt und wie er sich anfühlt. Es ist jedoch keine Technik, vielmehr ein Zuhören, ein Erinnern, eine Rückkehr.
3 Wenn ein Mensch einen Raum betritt
Aus meiner Erfahrung mit Vorträgen vor Publikum oder der Leitung von Workshops und Retreats habe ich gelernt, dass die meisten Menschen, wenn jemand einen Raum betritt, nicht unmittelbar daran interessiert sind, was diese Person weiß. Aus einem instinktiven Impuls heraus fragen sie sich hingegen: Wer ist dieser Mensch? Und bin ich in seiner Nähe sicher?
Das sind evolutionäre Fragen. Obwohl wir gerne glauben wollen, dass wir uns über sie hinaus entwickelt haben, sind sie bis heute noch genauso relevant wie seit jeher. Wir fühlen bevor wir sprechen.
Und was wir sinnlich wahrnehmen, geht weit über das Visuelle hinaus. Ja wir sehen – aber wir riechen, schmecken und registrieren auch subtile Veränderungen von Energie, Körperhaltung, Anspannung und Präsenz. Manches davon können wir benennen. Anderes findet auf Ebenen statt, für die die Wissenschaft noch keine Bezeichnung gefunden hat. Hinter den Geschichten, die wir erzählen, verbirgt sich eine vielschichtige Dimension – Dinge, die wir durch kulturelle Prägung erfahren haben, die wir gelernt haben, manchmal auch durch Gewalterfahrungen. Aber auch unsere Körper erzählen Geschichten. Und ich habe gelernt, diesen mehr zu vertrauen.
Ich höre Menschen nicht mehr besonders aufmerksam zu – vor allem wenn ihre Körpersprache etwas ganz anderes kommuniziert. Ein angespannter Kiefer, eine flache Atmung, nervöse Bewegungen sagen oft mehr über die kreative Verfassung einer Person aus, als ihre Worte über Innovation es jemals könnten.
Kreativität ist insofern für mich also nichts, was ich höre. Es ist kein Design, kein Produkt und auch kein Ergebnis. Kreativität ist vielmehr eine Energie, die ich spüren kann, wenn ich jemandem näherkomme. Sie zeigt sich darin, wie mit einem Problem umgegangen wird – auf sanfte, offene oder aggressive Weise. Sie offenbart sich im Atemzug vor den Worten, in der Art und Weise wie sich jemand durch den Raum bewegt.
4 Der Körper als kreatives Medium
Wir haben gelernt, mit unserem Verstand zu schaffen, zu denken, Strategien und Ideen zu entwickeln. Eigentlich ist aber unser Körper unser kreatives Medium. Bevor wir jemals ein Wort gesprochen haben, haben wir uns bewegt. Wir haben geatmet, geweint, getanzt, uns vorgewagt und zurückgezogen. Wir haben die Welt mit Gesten geformt, lange bevor wir sie mit Ideen geformt haben.
Und trotzdem wird der Körper in den meisten pädagogischen und beruflichen Bereichen als etwas Nebensächliches behandelt – nur nützlich, um dem Gehirn
zu dienen. Wir haben gelernt, stillzusitzen, aufzupassen, produktiv zu sein. Dies trifft insbesondere auf kreative Bereiche zu, in denen Kreativität paradoxerweise häufig von ihrem eigentlichen Ursprung getrennt betrachtet wird.
Es ist eine der stillen Tragödien des modernen Lernens: Wir haben verlernt, der Intelligenz unseres Körpers zu vertrauen. Wir hören nicht mehr auf unsere körperlichen Signale, unser inneres Wissen, unser Gespür dafür, was lebendig, dringend oder wahr ist. Wir haben die Kreativität an die geistige Anstrengung ausgelagert, während der Körper verharrt – ignoriert, steif, zum Schweigen gebracht.
Kreativität ist jedoch nicht etwas, das allein vom Verstand ausgeht. Vielmehr ist das ganze System beteiligt. Sie ist ein Zustand – ein Sein – und nicht nur ein Gedanke.
Kreativ zu arbeiten, ohne den Körper einzubeziehen, ist als würden wir ohne Lunge zu singen versuchen. Wir kennen vielleicht die Noten, aber bringen keinen Ton heraus.
5 Die Atmung als Tor nach innen und außen
Wenn der Körper als Ursprung von Kreativität betrachtet wird, dann ist unser Atem der erste Pinselstrich. Die Atmung ist die Brücke zwischen unserem inneren Zustand und der Außenwelt. Sie ist konstant, rhythmisch und aufschlussreich. Und im Gegensatz zu vielen unserer inneren Prozesse erfolgt sie gleichermaßen bewusst und unbewusst – sie markiert eine Schwelle, die wir jederzeit überschreiten können, um unsere Gefühle, unseren Blick auf die Dinge und die Form unserer Kreativität zu verändern.
Bevor wir sprechen, atmen wir. Bevor wir uns bewegen, atmen wir. Bevor wir eine Entscheidung treffen, ein Problem lösen, eine Verbindung herstellen oder etwas zum Ausdruck bringen, gibt die Atmung den Ton an.
Sie verrät, wie es uns geht. Eine flache Atmung signalisiert häufig Angst oder Wachsamkeit. Angehaltener Atem kann auf Anspannung oder Kontrolle hindeuten. Ein langsamer, tiefer Atemzug sagt uns leise: »Du bist sicher. Du kannst dich entspannen. Du kannst loslassen.« Die Atmung befindet sich in einem direkten Dialog mit unserem Nervensystem.
Kreativität verlangt nach Flexibilität. Sie erfordert die Fähigkeit, sich zu verändern, loszulassen, zu erkunden und nicht nur auszuführen. Diese Anpassung fällt viel leichter, wenn wir wissen, wie wir uns in einen anderen Seinszustand versetzen können. Die meisten dieser Techniken lassen sich auf so einfache Weise erlernen wie das Zeichnen – sie erfordern Zeit und Aufmerksamkeit. Einfach nur zu sitzen und dem Atem nachzuspüren, ihm in Gedanken zu folgen und zuzuhören, kann ganz neue Welten von Kreativität und Veränderung eröffnen. Mir ist jedoch völlig klar, dass viele Menschen sich aufgrund der vermeintlichen Einfachheit nie darauf einlassen werden.
6 Der wissenschaftliche Hintergrund von verkörperter Kreativität
Der Körper ist nicht nur Poesie. Er ist ein Muster. Er ist Intelligenz. Er ist Wissenschaft.
Das autonome Nervensystem steuert unsere unbewussten Überlebensreaktionen – von der Herzfrequenz über die Verdauung bis hin zu den subtilen Signalen
für Kampf, Flucht, Erstarren oder Ruhe. Wenn wir uns in einem andauernden Zustand von Stress, Angst oder Hypervigilanz befinden, übernimmt das sympathische Nervensystem die Führung. In diesem Zustand sind wir bereit für eine Reaktion, aber nicht für Kreativität.
Kreativität erfordert hingegen Offenheit. Divergentes Denken gelingt nicht unter Druck, sondern im Spiel. Und spielen ist eine parasympathische Aktivität. Sie wird möglich, wenn wir uns sicher genug fühlen, um Neues zu entdecken. Flexibel genug, um zu scheitern. Neugierig genug, um etwas Neues zu wagen. An diesem Punkt werden die Atmung, Körperhaltung und Bewegung zu wirkungsvollen kreativen Werkzeugen. Sie ermöglich uns eine Veränderung unseres physiologischen Zustands. Ein entspannter Kiefer kann ein flüssigeres Sprechen erleichtern. Eine gefestigte Haltung kann Klarheit in zerstreute Gedanken bringen. Ein tiefer Atemzug kann die Abwehrreaktion so weit dämpfen, dass neue Verbindungen entstehen können.
Untersuchungen zur Interozeption – der Wahrnehmung der inneren Vorgänge im Körper – zeigen, dass ein gesteigertes interozeptives Bewusstsein die emotionale Intelligenz und die adaptive Entscheidungsfindung verbessert. Beides ist für kreative Problemlösungen und eine relationale und responsive Führung wesentlich.
Auch der Flow geht aus dieser Energie hervor. Dieser Zustand von tiefer Präsenz und müheloser Produktion entsteht nicht nur durch Nachdenken. Wir erreichen hingegen einen Flow, wenn Körper und Geist im Einklang sind, wenn übermäßiges Denken dem Sein weicht.
7 Schlussbemerkung
Das klingt alles sehr schön, aber seien wir ehrlich – so etwas erreicht man nicht über Nacht. Und es braucht auch nicht nur Achtsamkeit, einen sicheren Ort oder abgepufferte Feedbackschleifen. Das Leben ist hart. Die Natur war schon immer hart. Und irgendwo auf diesem Weg sind wir weich geworden.
Ich glaube, es ist auf grundlegende Weise falsch, wie wir mit uns, mit anderen und mit der Natur umgehen. Wir bewegen uns kollektiv auf einem schmalen Grat zwischen Burnout und Entkörperlichung. Auf der einen Seite gibt es chronischen Stress und Leistungsdruck. Auf der anderen Seite eine Kultur, in der es so viel Angst vor Unbehagen gibt, dass alles in Watte gepackt wird – unsere Gefühle, unsere Körper, unsere Herausforderungen.
»Jeder hat einen Plan bis er einen Schlag ins Gesicht bekommt« hat Mike Tyson einmal gesagt. Ich denke oft darüber nach, denn das ist wahr.
Manchmal brauchen wir diesen Schlag, um uns zu fühlen, aufzuwachen, und uns zu erinnern, dass wir keine Algorithmen sind. Und manchmal müssen wir uns einfach auf eine Wiese legen und den Himmel betrachten. Über die Jahre habe ich Techniken entwickelt, die mir das Leben zwischen diesen beiden Polen erleichtern – zwischen Yin und Yang, Schmerz und Freude, Frieren und Schwitzen, Nachgiebigkeit und Angriff.
Kreativität ist Ehrfurcht. Und solange die Exponate in unseren Museen mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung erhalten als unsere lebendigen, atmenden Körper, die durch sie hindurchgehen, werden wir offenkundig noch nicht verstanden haben, was der Begriff der somatischen Kreativität tatsächlich bedeutet.

