PERSÖNLICHE STÄRKEN

#Stärkenentwicklung  #Erfolgsgrundlage  #Individualität

Prof. Ilona Boniwell, PhD
HEC Paris & Positran

Wie wir Stärken gestalten: Warum im Fokus auf menschliche Stärken die Zukunft der Designlehre liegt 

Als ich mich zum ersten Mal mit positiver Psychologie befasst habe, hätte ich nie gedacht, dass ich eines Tages vor Designdozenten stehen und in einem Atemzug über Kreativität, menschliche Stärken und künstliche Intelligenz sprechen würde. Dennoch haben Design und Psychologie etwas Wesentliches gemeinsam: Beides sind Disziplinen der Möglichkeiten. Bei beiden geht es darum, eine bessere Zukunft zu gestalten – bei der einen durch Form und Funktion, bei der anderen durch menschliche Entfaltung. 

In unserer sich rasant verändernden Welt dürfen wir jungen Designern nicht etwa Stabilität in Aussicht stellen, vielmehr müssen wir sie auf Veränderungen vorbereiten. Die Berufszweige, in denen sie später tätig werden, werden sich höchstwahrscheinlich alle paar Jahre verändern. Viele werden am Ende in Tätigkeitsfeldern arbeiten, die es heute noch gar nicht gibt. In diesem Kontext sind technische Kompetenzen zwar notwendig, reichen aber nicht mehr aus. Die von uns vermittelten fachlichen Fähigkeiten werden am Ende nicht die erforderliche Anpassungsfähigkeit, Resilienz und Innovation gewährleisten, sondern die individuellen menschlichen Stärken der Studierenden und wir müssen sie darin unterstützen, diese zu erkennen, anzuwenden und zu aktivieren. 

Von der Überwindung von Schwächen zum Aufbau von Stärken 

Ein wesentlicher Teil der herkömmlichen Form von Ausbildung, auch in den Designdisziplinen, beruht auf der Idee der Behebung von Defiziten: Wir erkennen, was den Studierenden fehlt und versuchen diese Lücken zu schließen. Untersuchungen haben jedoch immer wieder gezeigt, dass Menschen, die ihre natürlichen Stärken erkennen und darauf aufbauen – das heißt, die ihnen eigene Form des Denkens, des Fühlens und Verhaltens, die ihnen Energie verleiht – ­erfolgreicher sind, sich schneller anpassen und engagierter bleiben.

Laut Alex Linley ist eine »Stärke eine bereits vorhandene Fähigkeit, sich auf eine bestimmte Art zu verhalten, zu denken oder zu fühlen, die authentisch und für die entsprechende Person motivierend ist und eine optimale Funktionstüchtigkeit und Leistung ermöglicht.« Wenn wir unsere Stärken nutzen, erbringen wir nicht nur eine gute Leistung, wir fühlen uns auch lebendiger. Unser Wohlbefinden, unsere Motivation und Resilienz nehmen zu. Stärken sind sozusagen Treibstoff und Kompass. 

Diese Erkenntnis untermauert das, was ich als einen dreifachen Prozess beschreibe, der aus Bewusst­werdung, Abstimmung, Handeln besteht: ein einfaches, doch wirkungsvolles Konzept zur Entwicklung von Stärken.

Bewusstwerdung bedeutet, durch Reflexion, Feedback und Erkundung zu verstehen, was die individuellen Stärken sind. 

Abstimmung bedeutet, das Leben und das berufliche Agieren so auszurichten, dass diese Stärken besser genutzt werden können – wobei manchmal auch diejenigen, die man übermäßig nutzt, etwas zurückgenommen werden.  

Handeln bedeutet, gezielt alltägliche Entscheidungen zu treffen, die einen in der »Flow-Zone« halten, in der Fähigkeiten und Leidenschaften mit Herausforderungen und Zielsetzungen zusammenfließen. 

Dieser Prozess ist für Designer als auch Psychologen gleichermaßen relevant, denn auch Design beginnt mit Bewusstwerdung, gefolgt von Abstimmung zwischen Intention und Ausdruck mündet es schließlich in kreatives Handeln. 

Die Wissenschaft der Stärken

Die Evidenz für einen auf Stärken basierenden Ansatz ist überzeugend. Studien haben ergeben, dass das tägliche Nutzen der individuellen Stärken das Glücksempfinden steigert und Depressionen verringert. Außerdem werden dadurch Motivation, Leistungsbereitschaft und psychische Resilienz gefördert. 

Überdies wurden in Studien vielversprechende physiologische Vorteile festgestellt: Das Nutzen der eigenen Stärken kann chronische Schmerzen und bestimmte psychische Probleme abmildern. Es scheint, dass unser gesamtes System harmonischer funktioniert, wenn wir in Übereinstimmung mit unserem authentischen Selbst handeln. 

Im Bereich der Bildung bedeutet dies, dass der Fokus auf Stärken nicht nur eine Wohlfühlübung ist, sondern ein bewährter Weg zu höherer Lerneffizienz, Kreativität und Wohlbefinden. Wenn Studierende auf der Basis ihrer Stärken agieren, gelangen sie in einen Flow-­Zustand, in dem die Zeit aufgehoben scheint und tiefes Lernen sich auf natürliche Weise einstellt. Der Unterrichtsraum ist nicht länger ein Ort der Korrektur, sondern der freien Entfaltung. 

Stärken und die Zukunft des Designs

Ein Blick in die Zukunft zeigt uns, dass die Designdisziplinen von Automatisierung, KI und globalen Heraus­forderungen wie dem Klimawandel geprägt sein werden. In einem solchen Szenario wird technische Expertise allein nicht reichen, um sich als Designer von anderen abzusetzen. Der entscheidende Unterschied wird die individuelle Einzigartigkeit der jeweiligen Person sein, d.h. die Kombination von Stärken, die es ihr ermöglicht, kritisch zu denken, eine tiefe Empathiefähigkeit zu entwickeln, effektiv zu kommunizieren oder Authentizität mit Kreativität zu verbinden. 

Wenn ich Pädagogen frage, worin ihrer Meinung nach die Kernstärke des Designs besteht, sagen sie sofort: Kreativität. Kreativität ist jedoch keine Einheitsgröße. Für den einen mag es die Verbindung von Kreativität und analytischer Präzision sein; für den anderen ist Kreativität mit Empathie assoziiert oder die Wertschätzung von Schönheit; für wieder andere ist Kreativität mit Authentizität und Kommunikation verbunden. Jede Kombination ist einzigartig und kommt im persönlichen Stil der beruflichen Identität des Designers zum Ausdruck. 

Diese einzigartigen Verknüpfungen zu erkennen und zu fördern, ist die eigentliche Aufgabe in der heutigen Designlehre. Sie wird dazu führen, dass wir nicht nur »kompetente Designer« ausbilden, sondern »authentische Gestaltende« fördern – Menschen, die nicht nur wissen, was sie können, sondern auch warum und wie sie es am besten können. 

Die Ausrichtung der Ausbildung auf Stärken 

Stärken erkennen

Als Pädagogen kommt uns die wichtige Aufgabe zu, Stärken bei den Studierenden zu erkennen – das heißt, wir müssen ihnen kommunizieren, was sie besonders gut können. Oftmals sind Menschen für ihre eigenen Stärken blind, weil sie für sie so selbstverständlich sind. Ich erinnere mich, dass ich in meinen Zwanzigern
einen Test im Hinblick auf meine Stärken gemacht und dabei festgestellt habe, dass meine größte Stärke die Liebe zum Lernen ist. Für mich war das so selbstverständlich, dass ich es nie als Stärke betrachtet habe, doch diese Erkenntnis hat mich dann direkt auf den Weg zu meiner Promotion geführt. 

Bei einem Feedback sollten vage Aussagen wie »Du bist ein Teamplayer« vermieden werden. besser ist es, konkret zu beschreiben, was man beobachtet hat, wie beispielsweise »In der Gruppendiskussion hast du große Sensibilität und Wertschätzung für die Ideen anderer gezeigt«. Diese Art von Feedback fördert die Selbstwahrnehmung und das Selbstvertrauen auf der Grundlage von Fakten. 

Stärkebewusstsein fördern 

In meinen Workshops verwende ich häufig Stärkenkarten –ein praktisches Hilfsmittel, das zum Nachdenken und zum Dialog anregt. Jede Karte steht für eine potenzielle Stärke und enthält auf der Rückseite eine kurze Beschreibung sowie Fragen zum Nachdenken. In Gruppen von fünf oder sechs Personen wählen die Teilnehmenden drei Karten aus, die sie als besonders passend für sich empfinden – dabei sollten sie diese Stärken bei sich nicht nur feststellen, sondern sie sollten sie auch mit Energie erfüllen. Anschließend stellen sie sich vor, indem sie eine konkrete Geschichte erzählen, die diese Stärken veranschaulicht: »Bei der Arbeit an diesem Projekt habe ich gemerkt, wie mir meine Neugier dabei geholfen hat, unerwartete Muster aufzudecken.« Diese Aktivität fördert die Selbstreflexion und auch den Zusammenhalt in der Gruppe. 

Allein schon das Aussprechen der eigenen Stärken kann auf Energie und Stimmung anregend wirken. Die eigentliche Veränderung findet jedoch statt, wenn die Teilnehmenden erkennen, wie diese Stärken ihre Herangehensweise an Design, Teamarbeit und Lösungsfindung beeinflussen. 

Die HEX™ Methode: Von der Bewusstwerdung zu umsetzbaren Erkenntnissen

Im zweiten Teil meines Workshops für die IF Design Foundation sind wir noch einen Schritt weitergegangen. Ich habe die Teilnehmenden gebeten, sich gemeinsam mit der folgenden Frage zu beschäftigen: »Was können Sie tun, damit Ihre Studierenden ihre Stärken erkennen, erkunden und sich ihrer bewusst werden können – um sicherzustellen, dass ihre Stärken und ihr beruflicher Weg aufeinander abgestimmt sind, um ihnen dabei zu helfen, ihre Stärken in die Tat umzusetzen?«

Um diese Frage zu beantworten, haben wir HEX™ verwendet, eine praktische Form des Denkens, bei dem abstrakte Ideen in gemeinsame visuelle Geschichten verwandelt werden. Das Tool besteht aus über 200 sechseckigen Karten – auf denen jeweils ein Foto, ein Stichwort oder ein Symbol abgebildet ist – die die Teilnehmenden auf einem Tisch physisch anordnen. Durch ihre Form lassen sich die Karten zu Clustern oder Mustern kombinieren, was die Zusammenarbeit und kreative Assoziationen fördert. 

HEX basiert auf der Hands-On Thinking™ Methode, einem fünfstufigen Prozess, bei dem narrative ­Psychologie, kollaborativer Dialog und visuelles Denken kombiniert werden. Zu Beginn erfolgt eine klare Zielsetzung, gefolgt von: (1) Festlegung der Auswahl – die Teilnehmenden wählen Karten aus, die mit einer Leitfrage in Einklang stehen; (2) Austausch von ­Geschichten und Metaphern – jede Person erzählt die Geschichte, die sich hinter ihren Karten verbirgt; (3) gemeinsames Erkunden und Reflektieren – die anderen hören zu, stellen offene Fragen und nehmen entstehende Bedeutungen zur Kenntnis; und (4) kombinieren, um Muster zu erkennen – die Teilnehmenden fügen ihre Karten zu gemeinsamen Clustern zusammen und bringen so kollektive Themen und Erkenntnisse zum Ausdruck. 

In der Praxis bedeutet dies, dass sich kleine Gruppen um auf dem Boden ausgebreitete HEX-Karten versammeln, langsam umhergehen und Bilder und Wörter aufnehmen, die die Leitfrage beantworten. Jemand wählt vielleicht »Ermächtigung«, ein anderer »Neugier« gepaart mit einem Foto von Händen, die Ton formen, und wieder ein anderer vielleicht ein Symbol für »Wachstum«. Jede Kartenauswahl ist Ausgangspunkt für eine Geschichte: »Dieses Bild erinnert mich daran, wie Lernende aufblühen, wenn man Vertrauen in sie hat und sie frei experimentieren lässt.« Durch den Austausch und die Verknüpfung der jeweiligen Geschichten, entwickelt die Gruppe Ideencluster – eine visuelle Darstellung wie Pädagogen die Entdeckung von Stärken in der Designausbildung fördern können. 

Mit dem Anwachsen der Cluster haben sich Muster herausgebildet: »sichere Räume zum Experimentieren schaffen«, »zu reflektivem Geschichtenerzählen anregen«, »Feedback der Peergroup als Spiegel von Stärken nutzen.« Der physische Aspekt des Prozesses – zu sehen, wie Gedanken Form annehmen und in Clustern angeordnet werden – hat ein Gefühl der gemeinsamen Urheberschaft entstehen lassen. Die Karten fungieren als Verknüpfung von abstrakter Theorie und verkörperter Erfahrung. Dies erklärt den wunderbaren Effekt von HEX: lineares Denken wird in räumliches Denken übertragen, individuelles Denken in gemeinschaftliches Denken. Die Teilnehmenden sind aufgefordert, nicht nur mit ihrem Verstand zu denken, sondern auch mit ihren Händen, Augen und Gefühlen – eine Herangehensweise, die insbesondere für Designstudierende sehr gut geeignet ist. 

Jenseits von Kompetenz: Nach Erfüllung streben 

Eine der größten Fehlannahmen im Hinblick auf die berufliche Entwicklung ist, dass Burnout durch die Überbeanspruchung von Schwächen entsteht. Tatsächlich ist es aber so, dass er entsteht, weil wir viel zu viel Zeit mit erlernten Verhaltensweisen oder Kompetenzen verbringen – Dingen, die wir gut können, die uns aber keine Kraft geben. Wir agieren kompetent, die Arbeit macht uns jedoch keinen Spaß. Dadurch geht uns im Laufe der Zeit die Vitalität bzw. Motivation verloren.

Wenn wir jedoch unsere Stärken einsetzen, verleiht uns unsere Arbeit Energie. Am Ende des Tages sind wir müde, aber erfüllt. Bei Designstudierenden kann das frühzeitige Verstehen dieses Unterschiedes ihre weitere berufliche Laufbahn maßgeblich prägen. Daher ist es wichtig, dass sie bewusste Entscheidungen treffen – sie sollten sich nicht nur fragen »Kann ich das?«, sondern »Motiviert mich das?«.

Als Pädagogen haben wir nicht nur die Aufgabe, Designmethoden zu vermitteln, vielmehr müssen wir auch Lernumgebungen gestalten, die solche ­Reflexionen und Neuausrichtungen ermöglichen. Wir müssen die Studierenden ermuntern, ihren eigenen Weg zu finden. Sie sollen nicht nur herausfinden, welche Probleme sie in Zukunft lösen wollen, sondern auch ihre Stärken kennen, die sie zur Lösung dieser Probleme einsetzen werden. 

Ein Plädoyer für ein menschenfreundliches Design

Die positive Psychologie führt uns vor Augen, dass die individuelle Entfaltung nicht etwa durch die ­Abwesenheit von Schwächen gekennzeichnet ist, sondern durch die Anwesenheit von Stärke. Im Design geht es ebenso wenig um das Nichtvorhandensein von Fehlern, sondern um das Streben nach besseren Lösungen. Wenn diese beiden Sichtweisen zusammengeführt werden, können wir die Designlehre als Labor für menschliche Entwicklung neu denken. 

Wenn wir Designstudierende auf die Zukunft vorbereiten wollen, müssen wir sie zunächst darin unterstützen, ihre eigene Identität, ihre Wertvorstellungen und ihr Resilienzvermögen zu gestalten. Das bedeutet, dass wir den Aspekt der persönlichen Entwicklung genauso in den Lehrplan aufnehmen müssen, wie die Themen Ästhetik, Systemdenken oder Prototyping. 

Wenn wir die Designlehre auf individuelle Stärken ausrichten, dann vermitteln wir den Studierenden nicht nur, wie sie bessere Produkte oder Erfahrungen gestalten können, sondern wir bilden Designer aus, die auch in unsicheren Zeiten erfolgreich sein können, die mit Empathie zusammenarbeiten und zielgerichtet führen können.

In einer zunehmend technologisch vermittelten Welt sind diese menschlichen Fähigkeiten nicht etwa als Luxus zu betrachten, sondern als Wettbewerbsvorteil und unsere kollektive Hoffnung.