Bildungsstiftung für wissenschaftliche Forschung & Lehre
UNSICHTBARE BARRIEREN FÜR KREATIVEN ERFOLG
#Selbstzensur #Erwartungsdruck #Gender
Prof. Dr. Hye-Jung Eun
NEOMA Business School, FR
Von der Idee zur Innovation: Verborgene Hindernisse für den kreativen Erfolg überwinden
Als Wissenschaftlerin, die im Bereich Kreativität und Innovation forscht, beschäftige ich mich nicht nur mit der Frage was Kreativität erhöht, sondern auch welche Form der Führung für Kreative geeignet ist.
Mein Hintergrund umfasst den akademischen Bereich, wo ich untersuche, wie Mitarbeitende kreative Prozesse in Unternehmen erleben, aber auch die Kreativwirtschaft, wo ich als freie Produzentin für animierte Kurzfilme tätig bin. Durch diese Betrachtung der Dinge aus zwei verschiedenen Blickwinkeln ist es mir möglich, eine Brücke zwischen Kreativen und Führungskräften zu schlagen.
In diesem Abschnitt möchte ich darauf eingehen, was eigentlich genau passiert, nachdem man eine großartige Idee hat. Wir sprechen zwar oft über das Entwickeln von kreativen Ideen, aber nur selten über die verborgenen psychologischen Hindernisse, wenn wir versuchen diese Ideen in kreative Erfolge umzusetzen. Dies ist insbesondere im Kontext der Designlehre relevant.
Der Weg von der Idee zur Innovation
Kreativität bedeutet nicht immer die Erfindung von etwas völlig Neuartigem. Oftmals geht es darum, scheinbar unzusammenhängende Komponenten so zu verbinden, dass etwas Neues und Nützliches entsteht – wie die Verschmelzung von einem Telefon und einem Computer. Um solche Ideen jedoch in Innovationen umzusetzen, müssen wir in einen sozialen Prozess eintreten, d.h. wir müssen unsere Idee mit anderen Teammitgliedern teilen, sie weiterentwickeln und verfeinern und Ressourcen für ihre Umsetzung bereitstellen.
Innovation entsteht in sozialen Kontexten, sie umfasst Kommunikation, Zusammenarbeit und die wechselseitige Beeinflussung zwischen den beteiligten Personen. Wir arbeiten nicht in Silos; vielmehr arbeiten wir zusammen, um kreative Ergebnisse zu erzielen. An diesem sozialen Aspekt scheitern viele kreative Ideen.
Selbstzensur: ein entscheidendes Hindernis
Ein Phänomen, auf das ich in diesem Zusammenhang besonders hinweisen möchte, ist die Selbstzensur – ein Prozess, bei dem jemand seine eigenen Ideen filtert, bevor er die Möglichkeit einer Weiterentwicklung zulässt. Das kann auf einer bewussten, aber auch unbewussten Ebene ablaufen. Manchmal halten wir Ideen bewusst zurück; manchmal verwerfen wir unsere Entwürfe, ohne uns dessen bewusst zu sein. In der Folge entscheiden wir uns oft für sichere Ideen, anstatt unserem Innovationspotenzial freien Lauf zu lassen.
Wenn man Menschen dazu befragt, welche Erfahrungen sie mit Selbstzensur gemacht haben, dann fällt es ihnen oftmals schwer, konkrete Beispiele zu nennen, weil dieser Prozess unbewusst ablaufen kann. Dennoch lassen sich einige Muster erkennen, warum eigene Ideen zensiert werden:
Manche Personen sprechen erst über ein Projekt, nachdem sie es schon abgeschlossen haben und vermeiden es, im Vorfeld darüber zu diskutieren. Andere wiederum berichten von einer inneren Stimme, die sie davon abhält, ehrgeizige Ideen zu verfolgen, weil »das Projekt zu groß« ist oder sie eigentlich »zu faul« sind. Diese Einschätzungen können auf verschiedene Faktoren wie Persönlichkeit oder Rationalität zurückzuführen sein. Hierarchische Strukturen begünstigen ebenfalls eine Selbstzensur. In einem Umfeld, in dem an einen Vorgesetzten berichtet werden muss oder in einer strengen Hierarchie gearbeitet wird, fühlen sich Menschen weniger ermutigt, ihre Gedanken frei zu äußern. In diesem Zusammenhang spielt der Aspekt der psychologischen Sicherheit eine wichtige Rolle – d.h. ob sich jemand in einem bestimmten Umfeld sicher fühlt, Ideen vorzustellen, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen. Ein Verständnis für diese Barrieren ist wesentlich, wenn wir Umgebungen schaffen wollen, in denen kreative Ideen gedeihen und erfolgreich vom Entwurf bis zur Innovation weiterentwickelt werden.
Selbstzensur in kreativen Prozessen überwinden
In diesem Abschnitt möchte ich mich auf drei maßgebliche Mechanismen konzentrieren, die zur Selbstzensur von Ideen beitragen. Während es sicherlich zahlreiche Gründe gibt, warum wir manchmal zögern, unsere Gedanken anderen mitzuteilen, möchte ich diesbezüglich drei entscheidende Faktoren beleuchten. Erstens mangelt es kreativen Menschen möglicherweise an Vertrauen in ihre kreativen Fähigkeiten. Zweitens fürchten wir vielleicht ein negatives Feedback von anderen, selbst wenn wir unsere Ideen für gut halten. Drittens setzen wir uns oft selbst unter Druck, Ideen zu entwickeln, die von Anfang an perfekt sind. Ich werde untersuchen wie sich diese drei Mechanismen – Selbstwirksamkeit, Angst und Druck – den Faktor der Selbstzensur in kreativen Prozessen beeinflussen.
Kreative Selbstwirksamkeit: Selbstzweifel überwinden
Wenn ich Menschen frage, ob sie kreativ sind, erhalte ich sehr unterschiedliche Antworten. Einige äußern sich selbstbewusst, während andere sich angesichts der Frage sichtlich unwohl fühlen. Unter den Studierenden variiert das Ausmaß ihres Selbstvertrauens in ihr kreatives Leistungsvermögen. Kreative Selbstwirksamkeit bezeichnet im Grund dieses Vertrauen in die eigenen kreativen Fähigkeiten.
Wie führt jedoch kreative Selbstwirksamkeit zu Selbstzensur? In diesem Kontext ist es wichtig, zu erkennen, dass Kreativität nicht etwa eine angeborene, unveränderliche Eigenschaft ist, sondern eine Fähigkeit, die entwickelt werden kann. Untersuchungen zeigen, dass das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten tatsächlich ein Indikator für das potenzielle Maß an Kreativität ist. Man könnte von der Annahme ausgehen, dass Menschen selbstbewusst sind, weil sie kreativ sind, Studien zeigen jedoch, dass auch der Umkehrschluss zutrifft, d.h. gesteigertes kreatives Selbstvertrauen führt zu erhöhter Kreativität. Wissenschaftler vermuten, dass kreative Selbstwirksamkeit ein starker Motivator ist.
Menschen, die kein Vertrauen in ihre Kreativität haben, neigen dazu, ihre Ideen anzuzweifeln und zögern, sie zum Ausdruck zu bringen. Darüber hinaus vermeiden sie kreative Herausforderungen, wodurch ihnen Möglichkeiten für kreative Leistungen entgehen, was ihr Selbstvertrauen weiter schwächt. Im Fachbereich Design haben Studierende vielleicht herausragende Ideen, halten diese aber zurück, weil sie überzeugt sind, dass sie »nicht kreativ genug« sind.
Die gute Nachricht ist, dass das kreative Selbstvertrauen der Studierenden durch verschiedene Maßnahmen gefördert und gestärkt werden kann: Kleine kreative Herausforderungen und die Würdigung aller Ideen – sowohl ausgefallener also auch weniger origineller Entwürfe – tragen dazu bei, Selbstvertrauen aufzubauen. Untersuchungen zeigen überdies, dass unser Selbstvertrauen wächst, wenn andere Vertrauen in unsere Kreativität zum Ausdruck bringen. Wenn wir als Lehrkräfte also Vertrauen in unsere eigene Kreativität vorleben, wirkt sich dies ebenfalls positiv auf die Studierenden aus. Darüber hinaus ist das Angebot von Kreativitätsübungen hilfreich – in denen erläutert wird, was Kreativität genau ist, was sie fördert oder behindert und verschiedene kreative Techniken vermittelt werden. Die Studierenden können hier Selbstvertrauen durch praktische Übungen entwickeln.
Erkenntnisse aus der Gruppe
Aus unseren Gesprächen haben sich einige hilfreiche Ansätze ergeben. So haben einige Dozenten erzählt, dass sie ihren Studierenden »schrottige« Prototypen aus ihrer eigenen Studienzeit gezeigt haben, um zu veranschaulichen, dass eine erste Ideenfindung nicht auf Perfektion zielen sollte. Andere wiederum haben auf gruppenübergreifendes Brainstorming gesetzt, um scheinbar unmögliche Ideen einfach wild zu entwickeln, wobei die Studierenden angesichts ihrer kreativen Fähigkeiten oft überrascht waren. Wenn Kreativität auf indirekten Wegen angestoßen wird – und die Studierenden nicht explizit aufgefordert werden »kreativ zu sein« und daher keinen Druck verspüren – kann dies zu beeindruckenden Ergebnissen führen, da sie völlig entspannt an die Sache herangehen können. Umfassende Herausforderungen statt kurzer Übungseinheiten, verbunden mit ausgewogenem Feedback und Übungen zur Selbstreflexion, helfen den Studierenden ihre kreative Arbeit und ihre Fortschritte zu analysieren. Auch Feedback von Kommilitonen kann wertvoll sein, da dadurch eine eher horizontale Bewertungsstruktur geschaffen, die die kreative Selbstwirksamkeit fördert.
Außerdem können im Rahmen des Unterrichts kleine kreative Erfolge mit den Studierenden gefeiert werden. Durch die Anerkennung von überraschenden Ergebnissen und auch kleinen Schritten in ihrem kreativen Prozess, können wir als Lehrende eine positive Atmosphäre schaffen. Untersuchungen belegen, dass positive Emotionen die Kreativität fördern, was diesen Ansatz besonders effektiv macht.
Wenn Studierende mit einer schwierigen kreativen Aufgabe Probleme haben, ist es hilfreich den Prozess umzukehren. Anstatt die Entwicklung einer guten Idee einzufordern, soll zunächst nach Ideen gesucht werden, die auf gar keinen Fall weiterverfolgt werden sollten. Diese Methode macht nicht nur Spaß, sondern fördert Kreativität in einem erheblichen Ausmaß.
Angst im kreativen Prozess verstehen
Ein Gefühl von Angst, Unbehagen und Stress im kreativen Prozess wird von Menschen im Kreativsektor häufig erlebt. Dies geschieht insbesondere im Zusammenhang der Ideenfindung, der kreativen Lösungsfindung oder dem Ausprobieren neuer Methoden.
Erkenntnisse aus der Gruppe
Als Kreative erleben wir diese Angst regelmäßig – sie ist Teil unserer Arbeit. So stellen wir uns mitunter die Frage. »Bin ich wirklich ein Designer? Sind andere nicht viel besser als ich?« Diese Selbstzweifel sind Bestandteil des kreativen Prozesses. Interessanterweise wird diese Angst häufig durch den Vergleich mit anderen ausgelöst. Auch wenn wir diese Verletzlichkeit vor anderen vielleicht verbergen müssen, ist diese Sensibilität doch wesentlich für eine gute kreative Arbeit.
Mit zunehmender Erfahrung lernt man mit diesen Ängsten besser umzugehen. Durch Übung entwickeln wir Vertrauen in den kreativen Prozess – spielen, recherchieren, wiederholen oder auch Spaziergänge und Pausen helfen, wenn die Ideen nicht kommen wollen. Mit diesem erweiterten Wissen stehen uns Werkzeuge zur Verfügung, um Herausforderungen selbstbewusster zu meistern.
Der Einfluss von Angst auf die Selbstzensur
Angst im kreativen Prozess führt durch angstbasierte Mechanismen zu Selbstzensur. Die Sorge vor Urteilen, Ablehnung und Versagen hindert uns daran, unsere Ideen zu präsentieren. Selbst wenn unsere Ideen gut sind, können diese Ängste dazu führen, dass wir sie für uns behalten, um sicher zu gehen. Im Bildungsbereich vermeiden die Studierenden möglicherweise ihre Ideen mit Kommilitonen oder Lehrenden zu teilen, da sie ein negatives Feedback fürchten. Um Angst im kreativen Prozess zu lindern sind folgende Maßnahmen möglich:
Erstens sollten Misserfolge als Teil des Lernprozesses behandelt und anerkannt werden, dass Fehler einer kreativen Arbeit inhärent sind.
Zweitens ist ein innerer Fokus auf Weiterentwicklung, d.h. auf den Prozess und nicht auf das Ergebnis, entscheidend.
Drittens sollte von Anfang an im Unterricht für psychologische Sicherheit gesorgt werden, indem ausdrücklich betont wird, dass es keine dummen Fragen oder Ideen gibt. Dadurch entsteht ein Umfeld, in dem sich die Studierenden sicher genug fühlen, ihre Gedanken ohne Beurteilung mitzuteilen.
Viertens sollte betont werden, dass kreative Arbeit immer mit einer gewissen Unsicherheit verbunden ist. Es gibt nicht die eine richtige Lösung, das bedeutet,
es gibt auch keine falschen Ideen.
Und zuletzt sollte sichergestellt sein, dass die kreative Selbstwirksamkeit der Studierenden gefördert wird – ihr Vertrauen in ihre kreativen Fähigkeiten – was ihnen hilft, sich vor Ängsten im Zusammenhang mit kreativer Arbeit zu schützen
Umgang mit kreativem Druck
Der Druck kreativ zu sein – d.h. die externe Anforderung kreative Ergebnisse zu erzielen – betrifft nicht nur Designer, sondern Fachleute aus den unterschiedlichsten Bereichen. Im wirtschaftlichen Kontext ist die unternehmerische Maxime »Innovate or die« Ausdruck des allgegenwärtigen Drucks auf Mitarbeitende, kreativ zu sein. In den verschiedenen Berufsfeldern kommt dies unterschiedlich stark zum Tragen, jedoch auch in Bereichen, die gewöhnlich nicht als kreativ gelten.
Dieses Einfordern von Kreativität kann den Austausch von Ideen behindern, da wir unter solchen Bedingungen darauf fixiert sind, perfekte Ideen zu präsentieren. Dieser Perfektionismus kann dazu führen, dass wir kreative Aufgaben aufschieben, wenn sie nicht unmittelbar zum Erfolg führen. Außerdem untergräbt der Druck von außen die intrinsische Motivation und Freiheit, wie sie für Kreativität unerlässlich sind. In der Designausbildung kann er dazu führen, dass Studierende zu viel nachdenken und Ideen verwerfen, die nicht perfekt erscheinen, um am Ende dann eine sichere Alternative einzureichen.
Um dem Druck kreativ zu sein entgegenzuwirken, müssen wir hohe Erwartungen mit einem unterstützenden Umfeld in Einklang bringen und entsprechende Ressourcen sowie konstruktives Feedback bereitstellen. Dabei sollte der Fokus von »sei immer kreativ« zu »entwickle deinen kreativen Prozess« verschoben werden. Da mit der Anforderung kreativ zu sein häufig die Aspekte von Wettbewerb und Vergleich in den Vordergrund rücken, kann die Förderung von Zusammenarbeit helfen, die negativen Effekte dieses Anspruchs für die Studierenden abzumildern.
Wenn wir diese Dynamiken erkennen und entsprechende gut durchdachte Strategien zur Anwendung bringen, können wir den Studierenden helfen, mit den Herausforderungen kreativer Arbeit umzugehen und gleichzeitig ihre eigene kreative Handschrift zu entwickeln.
Selbstzensur im kreativen Bildungsbereich: Geschlechtsspezifische Unterschiede und pädagogische Ansätze
Es gibt einige grundlegende Probleme, die dazu führen, dass Studierende ihre Ideen vorschnell verwerfen. Wenn sie kein Selbstvertrauen oder Angst haben, sich unter Druck gesetzt fühlen, kreative Ergebnisse vorzulegen, zensieren sie oft ihre eigenen Ideen, wodurch ihnen Chancen für Innovation und Wachstum entgehen. Solche Hindernisse für den kreativen Erfolg können durch andere Faktoren, wie beispielsweise das Geschlecht noch verstärkt werden.
Studien haben mehrfach belegt, dass es keine angeborenen geschlechtsspezifischen Unterschiede hinsichtlich kreativer Fähigkeiten gibt: Frauen und Männer schneiden bei verschiedenen Messungen ihrer Kreativität gleich gut ab. Es gibt jedoch erhebliche Unterschiede darin, wie Männer und Frauen kreative Prozesse erleben. Untersuchungen zeigen, dass von Frauen weniger Kreativität erwartet wird, sie weniger Unterstützung für kreative Tätigkeiten erhalten und es daher auch weniger wahrscheinlich ist, dass sie sich kreativ einbringen.
Dieser geschlechtsspezifische Unterschied kommt auch darin zum Ausdruck, wie wir kreativen Erfolg bewerten. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass der innovativen Idee eines Mannes in der Regel Attribute wie »er ist ein Genie« oder ein »Aha-Erlebnis« zugeschrieben werden. Im Gegensatz dazu wird bei Frauen in diesem Kontext eher von harter Arbeit gesprochen. Diese Diskrepanz entspringt der stereotypen Assoziation von Kreativität mit maskulinen Eigenschaften, wie Hinterfragen des Status quo, Wagemut und Abenteuerlust. Wissenschaftler sprechen auch davon, dass sowohl Männer als auch Frauen die Vorstellung verinnerlicht haben, dass Kreativität eine männliche Aktivität ist, was erklärt, warum Männer oft als kreativer wahrgenommen werden.
Geschlechtsspezifische Unterschiede im Hinblick auf die drei maßgeblichen Hindernisse für kreativen Erfolg
Jüngere betriebswirtschaftliche Studien haben mehrere geschlechtsspezifische Unterschiede bei psychologischen Hindernissen für kreativen Erfolg ergeben:
Erstens neigen Frauen im Hinblick auf kreative Selbstwirksamkeit dazu, ihre kreativen Fähigkeiten eher anzuzweifeln als Männer.
Zweitens, das allgemeine Angstniveau zwischen beiden Geschlechtern ist zwar gleich, aber Frauen leiden deutlich stärker unter kreativitätsspezifischer Angst.
Drittens haben meine Untersuchungen ergeben, dass Frauen seltener als Männer die Anforderung kreativ zu sein als Chance für Weiterentwicklung betrachten. Männer scheinen den Druck zu schätzen, während Frauen ihn oft als negativer empfinden.
Des Weiteren bin ich im Rahmen meiner Recherchen auf ein interessantes Ergebnis hinsichtlich der Auswahlprozesse von Ideen gestoßen. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass es zwischen Männern und Frauen keine Leistungsunterschiede gibt, wenn sie aufgefordert werden eine Idee zu entwickeln. Bei der Auswahl der Ideen treten jedoch Unterschiede zutage: Frauen neigen im Gegensatz zu Männern dazu, sich für Ideen zu entscheiden, die weniger neuartig sind. Hier gibt es einen direkten Zusammenhang mit Selbstzensur, da Frauen aufgrund der Angst vor Beurteilung oder Misserfolgen möglicherweise weniger dazu neigen, neue Ideen zu präsentieren oder zu verfolgen.
Implikationen für die Designlehre
Diese Erkenntnisse haben erhebliche Konsequenzen für die Lehrenden im Fachbereich Design. Studentinnen zweifeln eher an ihren kreativen Fähigkeiten als Studenten, auch wenn dieser innere Konflikt nicht immer offen zutage tritt. Sie empfinden unter Umständen auch mehr kreativitätsspezifische Angst und reagieren empfindlicher auf kreative Anforderungen. Diese Faktoren können zu einer verringerten Beteiligung am Unterricht führen, was in der Folge bedeuten kann, dass sie sich in Zukunft gegen eine Führungsrolle im Kreativbereich entscheiden.
Erkenntnisse aus der Gruppe
Es gibt verschiedene Ansätze, um diese Hindernisse zu überwinden. So können wir im Rahmen des Unterrichts damit experimentieren, die Risikobereitschaft der Studierenden in die Bewertung einfließen zu lassen – beispielsweise könnten 20 Prozent ihrer Note von ihrer Bereitschaft abhängen Risiken einzugehen. Wir können die Studierenden zum Experimentieren ermutigen und ihnen vermitteln, dass Scheitern nicht etwa Problem ist, sondern ein erwartbarer Teil des kreativen Prozesses. Wenn Studierenden nichts misslingt, dann experimentieren sie möglicherweise nicht genug.
Ein anderer sehr wirkungsvoller Ansatz besteht darin, Lernaktivitäten als Prototypen zu betrachten. Genau wie auch im Design sind Prototypen niemals perfekt, vielmehr sind sie erste Versuche, die mit der Zeit verbessert werden. Dieses Konzept kann auf den Bildungsbereich insgesamt angewendet werden, d.h. Seminare und Lernerfahrungen sind Prozesse, die einer Weiterentwicklung unterliegen und sich verbessern, während wir lernen.
Auch die Gruppendynamik spielt eine entscheidende Rolle. Wenn wir den Studierenden einfache Aufgaben mit einem festen Zeitrahmen und minimalen Anweisungen geben, und sie dann bitten, über ihre Rolle innerhalb der Gruppe nachzudenken, geben wir sowohl den extrovertierteren als auch den introvertierteren Studierenden die Möglichkeit, ihr Verhaltensmuster zu erkennen und sich entsprechend anzupassen.
Übung zum kreativen Geschichtenerzählen: Förderung von Kreativität und Verringerung von Selbstzensur
Ich möchte hier eine gemeinschaftliche Übung zum Geschichtenerzählen vorstellen, die ich besonders hilfreich finde, um Kreativität zu fördern und Selbstzensur abzubauen.
Wir arbeiten in Gruppen von acht bis zehn Personen, um zwei verschiedene Geschichten zu erzählen, die beide mit dem gleichen ersten Satz beginnen: »Die Besucher trafen mit der Erwartung im Museum ein, dort eine Sammlung von Exponaten zu sehen, aber was sie tatsächlich vorhanden, würden sie wohl nie vergessen können.«
Die Übung läuft wie folgt ab: Für die erste Geschichte wählen wir einen linearen Ansatz, d.h. jeder Teilnehmende fügt der Geschichte, einer nach dem anderen, einen Satz hinzu und versieht seinen Beitrag mit seinem Namen. Für die zweite Geschichte verwenden wir eine zufällige Reihenfolge mit anonymen Beiträgen und geben das Papier an jemanden weiter, der nicht neben einem sitzt.
Während jeweils zwei Teilnehmende an den Geschichten arbeiten, entwickelt der Rest der Gruppe Strategien, mit denen einer Selbstzensur vorgebeugt werden kann. Nachdem beide Geschichten fertiggestellt sind, wird darüber diskutiert welche unterschiedlichen Erfahrungen die Teilnehmenden mit den beiden Erzählansätzen gemacht haben und wie sie diese Erkenntnisse in die Strategieentwicklung einfließen lassen können.
Ich habe überdies eine auf Forschungserkenntnissen basierende Liste von zwanzig kreativitätsfördernden Verhaltensweisen von Lehrenden vorbereitet. Ich würde Ihnen empfehlen jene Verhaltensweisen zu unterstreichen, die Sie in Ihrer Unterrichtspraxis bereits verwenden und um die, die Sie verbessern möchten, einen Kreis zu malen. Diese Erkenntnisse können wir dann nutzen, um unsere Liste mit Strategien zur Verhinderung von Selbstzensur zu erweitern.
Erkenntnisse aus der Gruppe
Aus den von den Gruppen verfassten Geschichten sind wunderbar kreative Erzählungen hervorgegangen. Die eine Gruppe erfand eine Geschichte über Besucher, die im Museum einen außergewöhnlichen Geruch wahrnehmen. Sie folgen diesem Geruch und entdecken einen Brunnen, einen Kaffeeservice und geheimnisvolle Kochtöpfe mit köstlichen Speisen. Eine andere Gruppe hat eine Geschichte über tierförmige Stühle erzählt, die die Besucher dazu animierte, Bewegungen und Geräusche von Tieren nachzuahmen, woraus schließlich eine große interaktive Skulptur entstand, auf der Kinder spielen konnten. Eine dritte Gruppe hat eine skurrile Geschichte über einen Blauwal, ein Sandwich und Captain Cooks Suche nach vegetarischen Gerichten verfasst. Höhepunkt der Geschichte ist eine von Philippe Starck entworfene und von Apple gesponserte Badewanne für den Wal.
In unseren Gesprächen darüber, wie wir Studierenden helfen können, Selbstzensur zu überwinden, haben sich mehrere wertvolle Strategien herauskristallisiert. Dazu gehören die Schaffung eines sicheren Umfeldes für Kreativität; die Möglichkeit für Studierende, ihre Arbeiten von anderen präsentieren zu lassen; die Aufteilung von Aufgaben in kleine Übungen, um Selbstvertrauen aufzubauen; dem Prozess gegenüber dem Ergebnis Vorrang einräumen; in Konflikten eine Rolle als Vermittler einzunehmen, um das Verständnis füreinander zu fördern; das Aufzeigen von Verständnislücken sowie die Schaffung von Möglichkeiten für Anonymität. Ein weiterer wirksamer Ansatz besteht darin, das Selbstvertrauen der Studierenden zu stärken, indem man sie bittet über Themen zu sprechen, mit denen sie sich bereits gut auskennen, auch wenn diese nicht direkt mit ihrer kreativen Arbeit in Zusammenhang stehen.
Schlussbemerkung
Ausgehend von der letzten Übung haben wir darüber gesprochen, wie ausgesprochen hilfreich es sein kann, sich von den eigenen Ideen zu lösen, um Selbstzensur vorzubeugen. Anonymität kann Studierenden dabei helfen, Ideen nicht im Hinblick auf ihren Urheber, sondern ihre Qualität zu bewerten.
(Aktualisiert am 20. November 2025)

