Bildungsstiftung für wissenschaftliche Forschung & Lehre
VIELSCHICHTIGE INNOVATION
#Ort #Menschen #Partizipation
Fumiko Ichikawa
Re:public, Tokyo
Ortspezifische Innovation und nachhaltiges Design
Re:Public wurde als Organisation vor zehn Jahren nach dem verheerenden Erdbeben im Nordosten Japans gegründet. Die Katastrophe forderte ungefähr 20.000 Menschenleben, vor allem in den nördlichen Regionen mit ihren kleineren und größeren Städten und unterschiedlichen Wirtschaftszweigen wie Landwirtschaft und Fischerei. In der Folge des Erdbebens wurden Innovationsansätze und -methoden einer grundlegenden Neubetrachtung unterzogen.
Fotos, die einen Monat nach dem Erdbeben in Sendai, einer Stadt mit mehr als einer Million Einwohnern, aufgenommen wurden, zeigen die vollständige Zerstörung, die einen grundlegenden Wiederaufbau der Stadtviertel erforderlich machte. Dieser Moment markiert einen entscheidenden Wendepunkt in der Innovationspraxis, da, obwohl die Organisation noch nicht gegründet worden war, bereits Design- und Innovationsprojekte auf den Weg gebracht worden waren.
Zu den frühen Ideen gehörte unter anderem die Gründung von ischool, einer Plattform für die Designausbildung, die mit Unterstützung von Tim Brown und David Kelly von IDEO entwickelt worden war. Über sie wurde umfangreiches Wissen über Innovation und Design Thinking bereitgestellt. Talentierte Studierende aus dem In- und Ausland konnten im Rahmen des Projekts Kooperationsprojekte in den betroffenen Regionen initiieren. Auf der Basis der hier gesammelten Erfahrungen kristallisierte sich jedoch eine wichtige Erkenntnis heraus: Innovation ist wesentlich wirkungsvoller und effizienter, wenn sie aus den Gemeinschaften vor Ort entsteht, wenn sie von lokalen Akteuren ausgeht, die gut verwurzelt sind und überzeugende Argumente dafür liefern können, warum die Kommunen vor Ort transformative Ideen unterstützen sollten.
In der Folge wurde die Entwicklung ortsspezifischer Innovation als Kernziel definiert, was schließlich zur Gründung von Re:Public in seiner heutigen Form führte. Das Unternehmen agiert als »Think and Do Tank«, wobei das Erlernen internationaler Methoden und die Umsetzung praktischer Anwendungen im Vordergrund stehen, bei denen echtes Lernen stattfindet. Dieser Ansatz spiegelt die auf Kooperation ausgerichtete Philosophie der Organisation und ihrer Teammitglieder.
Im Laufe der Jahre hat Re:Public an den unterschiedlichsten Standorten in der ganzen Welt agiert. In der Regel arbeitet die Organisation mit etwa 2.000 Personen jährlich zusammen, darunter nicht nur Studierende, sondern auch Fachleute und Personen, die sich für eine zielgerichtete Innovation einsetzen. In den verschiedenen Regionen Japans werden vielfältige Projekte durchgeführt. An den Standorten mit kursiven Symbolen befinden sich Studios und ihre Teams, während an den grün markierten Standorten Partner agieren, die ähnliche Ziele verfolgen.
Die Vorgehensweise der Organisation fokussiert auf drei Schlüsselbegriffe: Orte, Menschen und Praktiken. Diese drei Elemente bilden die Grundlage für eine zeitgemäße Innovationspraxis. Zwar können Einzelpersonen auf der Basis ihrer Kompetenzen und Fertigkeiten zielgerichtet Veränderungen bewirken, die Herausforderung besteht jedoch darin, diese Aspekte so zu kombinieren, dass ein neuartiges Ergebnis möglich wird. Ein Verständnis für bestehende Kulturen, für das kulturelle Erbe sowie Technologien und Industrien an bestimmten Orten, ist wesentlich, da die Verknüpfung dieser lokalen Ressourcen mit den Fähigkeiten der Menschen die Entstehung neuer Praktiken ermöglicht.
Als praktisches Beispiel für diese Philosophie betreibt Re:Public über eine Schwesterfirma, die sich auf Tourismus konzentriert hat, ein kleines Hotel. Das im Süden von Japan gelegene Craft Inn ermöglicht ein Erleben der zahlreichen Handwerkstraditionen in dieser Region, wie es ansonsten nicht möglich ist.
Aus einer ganzheitlichen Perspektive gesehen, gilt es auch das zu untersuchen, was nicht als Innovation klassifiziert werden sollte. Die Definition von Innovation bleibt zwar schwierig, doch bestimmte technologische Entwicklungen, die auf den ersten Blick innovativ erscheinen, verdienen möglicherweise nicht die Einstufung als echte Innovation. Dienste wie Uber und Lyft veranschaulichen die Komplexität dieser Frage. Durch Smartphone-Apps über die mit einfachen Klicks ein sofortiger Zugriff auf Essensliefer- oder Transportdienste möglich wird, bieten diese Plattformen zweifellos einen gewissen Komfort. Innovation umfasst sicherlich auch Aspekte von Annehmlichkeiten und der Erfüllung von Anforderungen und Bedürfnissen von Menschen.
Statistische Erhebungen in Städten wie u.a. San Francisco und New York zeigen jedoch, dass die Einführung dieser Dienste bedenkliche Auswirkungen mit sich gebracht hat. So lassen die Daten darauf schließen, dass es nach der Umsetzung in verschiedenen Zeitfenstern zu einem erheblichen Anstieg der Verkehrsüberlastung in den Städten gekommen ist. Die durchschnittliche Fahrzeuggeschwindigkeit ist zurückgegangen, was darauf hindeutet, dass bei rein gewinnorientierten Innovationsansätzen wesentliche Aspekte und nicht intendierte Auswirkungen übersehen werden können.
Ein weiteres eindrucksvolles Beispiel findet sich auf einem Foto aus dem Jahr 2017, das riesige Mengen an ausrangierten Fahrrädern in China zeigt. Zu sehen sind unzählige brandneue Fahrräder, die nicht mehr benutzt werden und damit eine enorme Verschwendung von Ressourcen im Namen von Innovation und Unternehmertum darstellen. Die verschiedenen Farben stehen für unterschiedliche Start-ups, die in chinesischen Städten Bike-Sharing-Dienste eingeführt haben. Während weltweit in vielen Städten, auch in Japan, solche Dienste zunehmend Verbreitung finden, wirft dieses Bild zentrale Fragen hinsichtlich der kollektiven Verantwortung bei der Umsetzung von Start-up-Innovationen auf. Wenn Start-ups scheitern bzw. aufgrund eines enormen Wettbewerbs nicht überlebensfähig sind, werden die ökologischen Auswirkungen deutlich.
Systemische Innovation und kollektive Wirkung
Mit der Einführung zahlreicher Dienstleistungen und Anwendungen ging man von der Annahme aus, dass damit eine Optimierung der begrenzten Ressourcen einhergehen würde. Im Falle der Fahrräder gab es die Erwartung, dass diese Ressource den Nutzern jederzeit zur Verfügung stehen würde, wodurch eine optimierte und umweltfreundlichere Umgebung geschaffen würde. Die Realität zeigt jedoch, dass solche Probleme ohne Koordination und systemisches Denken immer wieder auftreten können.
Damit rückt ein Aspekt immer deutlicher in den Vordergrund: Die aktuellen Anforderungen an Design und Innovation gehen weit über die Schaffung hervorragender Benutzererfahrungen oder das Erreichen kommerzieller Erfolge hinaus. Denn derartige Vorhaben können unbeabsichtigt Probleme im städtischen Raum zur Folge haben. Dies ist für Designer, die mit Begeisterung in das Berufsfeld einsteigen und bedeutungsvolle Veränderungen bewirken wollen, eine enorme Herausforderung, und zwar unabhängig davon, ob es sich um Produktdesigner, Servicedesigner, Gestaltende aus dem politischen Umfeld oder Strategieentwickler handelt. Während individuelle Beiträge möglicherweise wertvolle Lösungen hervorbringen, die dann aktiv genutzt werden, müssen auch die umfassenderen systemischen Implikationen berücksichtigt.
Diese Problematik verdeutlicht, dass Designer über die Grenzen ihrer Disziplin hinausschauen und Brücken schlagen müssen, indem sie beispielsweise mit Stadtplanern, Historikern und anderen Fachleuten zusammenarbeiten. Eine solche interdisziplinäre Kooperation eröffnet vielfältige Perspektiven für Designinnovationen. Innovation kann als etwas definiert werden, das in der Gesellschaft durch Produkte oder Dienstleistungen, die Werte, Gewohnheiten und Lebensweisen auf grundlegende Weise und unumkehrbar verändert, einen Wandel herbeiführt. Nach ihrer Einführung werden diese Veränderungen nicht mehr als Option, sondern als unverzichtbar betrachtet, sodass eine Rückkehr zu früheren Methoden verhindert wird. Während diese Definition in den letzten zehn Jahren relativ konsistent geblieben ist, gibt es mittlerweile die Erkenntnis, dass der Aspekt der Unumkehrbarkeit nicht nur auf individueller, sondern auch auf kollektiver Ebene wirkt. Die entscheidende Frage lautet daher, wie die Gesellschaft als Kollektiv echte Notwendigkeiten erkennen kann und damit unnötige Experimente und Verschwendung vermeiden kann. Ebenso wichtig ist es, festzulegen, wer am Innovationsprozess selbst teilhaben soll.
Ein beeindruckendes Beispiel dafür ist Zama City, eine Stadt an der Strecke zwischen Tokio und den Thermalquellen von Hakone. Das Müllentsorgungssystem der Stadt beruhte in erster Linie auf den Einsatz von Müllfahrzeugen, wobei die Sammelstellen manuell mit dem Stift auf Papier abgehakt wurden – eine ausgesprochen umständliche Vorgehensweise. Die Stadtverwaltung von Zama tat sich daraufhin mit den Technologieteams der Odakyu-Eisenbahnlinie zusammen, die Bahnlinien über mehrere Städte, darunter auch Zama, betreibt. Gemeinsam wurde eine digitale Sensortechnologie entwickelt, die Sammelstellen erkennt und automatisch markiert, wenn Müllfahrzeuge vorbeifahren und Müll abholen und außerdem in Echtzeit anzeigt, wenn eine Müllsammlung abgeschlossen ist.
Echtzeit-Tracking ist für die betriebliche Effizienz unverzichtbar. Zuvor wurden die verschiedenen Müllfahrzeuge unabhängig voneinander betrieben, das heißt sie hatten untereinander keine Informationen über die anderen Fahrzeuge. Einige Müllfahrzeuge waren am Ende vielleicht nur halb voll, während andere mit überschüssigem Abfall zu kämpfen hatten, ohne Hilfe zu bekommen. Das neue System ermöglicht hingegen die Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung zwischen den Sammelteams. Während zuvor einzelne Müllfahrer bis in den Abend hinein gearbeitet hatten und andere mittags fertig waren, erledigen sie nun alle die Arbeit innerhalb ähnlicher Zeiträume.
Die Implementierung dieser Technologie generierte mehrere Kaskadeneffekte. Das durchschnittliche Abfallvolumen pro Müllfahrzeug stieg pro Sammelrunde deutlich an, sodass weniger Fahrten zur etwa dreißig Minuten entfernten Abfallsammelstelle erforderlich waren. Die reduzierte Häufigkeit der Fahrten sorgte unmittelbar für einen Rückgang der CO2-Emissionen. Darüber hinaus ermöglicht das System eine Identifizierung von Standorten, an denen eine Abholung von Spezialmüll notwendig ist. Eine Analyse hatte ergeben, dass fast zehn Prozent des Hausmülls aus Gartenabfällen bestand. Anstatt dieses organische Material der Verbrennung zuzuführen, wird es nun von der Kommune separat gesammelt, um es in Biokraftstoff und Biomasseenergie umzuwandeln, wodurch die Menge an zu verbrennendem Abfall erheblich reduziert wurde.
Bemerkenswert ist überdies, dass die Müllfahrer selbst zu Fürsprechern ihrer Arbeit geworden sind und beispielsweise auf die Sauberkeit der Abläufe hinweisen und ihre Arbeit mit ihren eigenen Worten beschreiben. So verbreiten die Müllfahrzeuge, die nach jeder Schicht gründlich gereinigt werden, keinerlei Gerüche. Die Fahrer sind stolz auf ihre Arbeit, was auch darin zum Ausdruck kommt, dass sie die Müllfahrzeuge mit individuell gestalteten Lackierungen versehen. Sie haben sich ihre eigene Tätigkeit auf sinnstiftende Weise angeeignet.
Dieses Gefühl der Sinnhaftigkeit und die kollektive Form des Handelns kann als ein erstrebenswertes Modell für die zeitgenössische Designpraxis betrachtet werden. Diese Müllfahrer haben spezifische Fähigkeiten und Kenntnisse, dennoch setzen sie sich gemeinsam für Ergebnisse ein, die weit über ihre eigentlichen Aufgaben hinausgehen, darunter beispielsweise eine messbare Reduzierung der CO2-Emissionen in der Stadt – eine solche Initiative würde normalerweise von Initiativen auf kommunaler Ebene erwartet werden. Neben der Müllsammlung besuchen sie Grundschulen, um Kindern die Ziele der nachhaltigen Entwicklung näherzubringen. Der Dominoeffekt, der entsteht, wenn Design und Innovation auf der kommunalen Ebene stattfinden und von den Mitarbeitern in der Alltagspraxis dann als integraler Bestandteil ihrer Rollen und ihres Aufgabenbereichs angenommen werden, zeigt, welch tiefgreifende Auswirkungen durch ein solches Engagement möglich ist.
Prozessorientierte Innovation und gemeinschaftliches Engagement
Dieser Fall ist exemplarisch für eine echte innovative Praxis. Er veranschaulicht bestimmte Prozesse, die sich für die Innovationspraxis als besonders wichtig erweisen. Der herkömmliche Ausgangspunkt beim Design Thinking ist die Problemdefinition, d.h. hier liegt der Fokus auf der Identifizierung spezifischer Probleme, die es zu lösen gilt. Dieser Ansatz kann jedoch zu einer inhärenten Verzerrung des Innovationsprozesses führen. Die Lösung wichtiger Probleme muss zwar weiterhin geschehen, doch sollte ebenso Wert darauf gelegt werden, potenziellen Innovatoren Zugang zu verschiedenen Netzwerken von Menschen und vorhandenen Ressourcen an einem bestimmten Ort zu verschaffen.
Die empfohlene Vorgehensweise beruht auf der Auseinandersetzung mit Orten und Menschen als Ausgangspunkt. Intervention bezieht sich auf den Prozess durch den einzelne Beteiligte ihre Rollen und Aufgaben innerhalb eines bestimmten Bereichs entdecken. In Japan sind die Ziele für eine nachhaltige Entwicklung mittlerweile ein bestimmendes Thema, wobei viele Studierende ihre Besorgnis über Umweltfragen und den Schutz des Planeten zum Ausdruck bringen. Die Frage wie sich Einzelne auf bedeutungsvolle Weise an solchen weitreichenden Vorhaben beteiligen können, stellt jedoch eine ebenso große Herausforderung dar. Um den eigenen spezifischen Beitrag zur Erreichung dieser weitreichend formulierten Ziele verstehen zu können, bedarf es eines bewussten Prozesses der Erkundung und Entdeckung.
Der Begriff des Perspektivwechsels beinhaltet eine grundlegende Neubetrachtung des Kontexts. Wenn etwas als Problem oder Defizit wahrgenommen wird, kann ein Wechsel der Perspektive dennoch potenzielle Möglichkeiten eröffnen. Diese kognitive Neuausrichtung ist oft ein Katalysator für Innovationen. Das abschließende Element, der Spielraum, umfasst das kreative Umfeld, das für Experimente und Entwicklungen notwendig ist.
Diese Prozesse beginnen in der Regel mit Zusammenkünften wie die in Kui City, wo mit Gruppenfotos die kollektive Teilhabe dokumentiert wird, ohne die Identität einzelner Personen preiszugeben. Bei diesen Versammlungen kommen Menschen zusammen, die in ihren Gemeinschaften sinnvolle Veränderungen anstoßen möchten. Zu den Teilnehmern zählen Anwohner, Designer, die aus Tokio angereist sind, Vertreter bekannter Modemarken, die alle an Projekten interessiert sind, die dank dafür entwickelter Sonderprogramme eine Basisbeteiligung fördern wollen.
Kommunen und Präfekturverwaltungen stellen in der Regel Finanzmittel zur Verfügung, um Gruppen von Teilnehmern über ein Semester oder mehrere Monate hinweg zu unterstützen. Während dieses Zeitraums leisten die Teilnehmer direkt in den lokalen Gemeinschaften, die von den Kommunen finanziell gefördert werden, Innovationsarbeit. Weitreichende Forschung ist ein wesentlicher Bestandteil des Prozesses. Durch Werksbesichtigungen und Branchenrecherchen können die Teilnehmer die lokalen Wirtschaftsökosysteme kennenlernen, wichtige Hersteller und deren Produkte bestimmen und so die industrielle Infrastruktur des Ortes verstehen lernen.
Ein besonders erwähnenswertes Beispiel ist ein professioneller Radfahrer, der eine Firma namens ‚Bike is Life‘ gegründet hat. Nachdem er als Profi-Radrennfahrer in Paris bedeutende Erfolge erzielt und an Veranstaltungen wie der Tour de France teilgenommen hatte, kehrte er mit dem Entschluss nach Japan zurück, eine Fahrradfirma zu gründen. Er schrieb sich für ein Studio-Programm in Fukuoka City ein, entwickelte ein Fahrrad und gründete nach gemeinschaftlichen Diskussionen über die Namensgebung, schließlich sein eigenes Unternehmen.
Wesentlich in diesem Zusammenhang war die Erkenntnis, dass seine Zielvorstellung eigentlich über die Produktion von Fahrrädern hinausging und auch die Förderung der Fahrradkultur umfassen sollte. Auf den Goto-Inseln im äußersten Süden Japans, die sich durch eine beeindruckende Schönheit der Natur auszeichnen, sah er die Möglichkeit, Touristen ein umweltfreundliches Fortbewegungsmittel anzubieten, das ihnen unabhängig vom Auto den Zugang zur gesamten Region ermöglichen würde und dabei CO2-neutral wäre. Es war nur folgerichtig, das Angebot auf Tourenerlebnisse auszudehnen, anstatt lediglich Fahrräder anzubieten.
Er stellte daraufhin Radrouten zusammen, die den Touristen eine systematische Erkundung der Insel unter den Bedingungen des Ökotourismus ermöglichen würden. Darüber hinaus verkaufte er Fahrräder in großen Stückzahlen an Kommunen, für die er ein Wartungsservice bereitstellte, um eine kontinuierliche Verfügbarkeit zu gewährleisten. Die Kommunen erhielten somit Produkte, Transportmittel und festgelegte Routen für Erkundungen. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, dass die Anwohner entlang der Strecken nach der Einführung des Angebots begannen, ergänzende Projekte zu initiieren. So gab es ein Interesse daran, Cafés zu eröffnen oder alte Gasthäuser zu renovieren, um sie für Gastgewerbezwecke zu nutzen. Dieser Dominoeffekt zeigt, wie sich kleine sequenzielle Innovationen an einem Ort akkumulieren können.
Durch solche Interventionen in Gemeinschaften beginnen Personen, die zuvor kaum Interesse an unternehmerischem Handeln gezeigt haben, Ressourcen zu entdecken, die sie nutzen können, wodurch sie letztlich dann auch zu einer Veränderung beitragen können. Dieses Muster der sequenziellen Aktivierung wiederholt sich konsequenterweise unter den Teilhabenden, die sich mit dieser Art von Prozessen beschäftigen.
Neudefinition urbaner Herausforderungen und zirkuläre Innovation
Das Konzept der Disposition oder des Perspektivwechsels bedarf einer weiteren Ausarbeitung. In Japan bezeichnet der Begriff »Akiya« leerstehende Häuser. Mit etwa 13 Prozent der Wohnimmobilien, die das betrifft, ist dieses Phänomen sehr ausgeprägt. Diese überwiegend aus Holz bestehenden Gebäude werden nach dem Tod der Bewohner, denen sie gehören, aufgegeben. Die Immobilien bleiben unbewohnt und verfallen allmählich, da die Abrisskosten die finanziellen Anreize für eine Räumung übersteigen. Dieses Muster ist im ganzen Land zu beobachten, was zu einem fortschreitenden Verfall der Gebäude führt und eine erhebliche Verschwendung von Ressourcen bedeutet. Auch wenn eine Nutzung einzelner Häuser nicht tragfähig erscheint, würde ihre Umwandlung in Gemeinschaftsräume doch alternative Möglichkeiten eröffnen.
Dank einer Crowdfunding-Initiative veranschaulicht ein renoviertes Akiya-Haus dieses Potenzial beispielhaft. Bei der Renovierung wurde ein neuartiges Verfahren eingesetzt, bei dem Zeltplanen verwendet werden. Da die meisten Akiya-Häuser nicht ausreichend isoliert sind, kann es in ihnen sehr kalt werden. Durch die Zusammenarbeit mit einem Zelthersteller in Kyushu wurde die Nutzung von Segeltuchmaterial für die Innenräume möglich. Der Zeltproduzent hatte eine solche Nutzung für Akiya-Gebäude bislang nicht in Betracht gezogen. Diese unkomplizierte Lösung ist eine effiziente Alternative für die Renovierung von Gebäuden. Für den Hersteller stellt diese Anwendung eine sehr gute neue Geschäftsmöglichkeit dar, insbesondere angesichts der Prognosen, dass in 20 Jahren etwa 30 Prozent der japanischen Häuser leerstehen werden. Die Innovation generiert insofern wirtschaftliche Effekte, die über die Renovierung einzelner Häuser weit hinausgehen.
Im Diskurs über Akiya-Häuser wird in Japan dieses Phänomen bislang als problematisch betrachtet. Wenn man jedoch die Perspektive wechselt und die Situation als Chance und nicht als Problem versteht – analog zum halb vollen oder halb leeren Glas – wird transformatives Handeln möglich. Diese kognitive Neudefinition lässt Bedingungen entstehen, unter denen vielfältige Ideen produktive Ergebnisse hervorbringen können.
Ein anderes Beispiel, in diesem Falle im Bildungsbereich, zeigt wie die Organisation mit Kommunalverwaltungen zusammenarbeitet. Bei dem betreffenden Standort handelt es sich um ein Kernkraftwerk, eines von insgesamt 54 solcher Anlagen in Japan. Der Vorfall von Fukushima hat wichtige Fragen in Bezug auf Sicherheitsprotokolle und Energieabhängigkeit aufgeworfen. Japan importiert fast alle seine Energieressourcen, einschließlich der für den Betrieb von Kernkraftwerken erforderlichen Materialien.
Als diese Anlagen in den 1970er Jahren gebaut wurden, wurde dies von entsprechenden Kommunen im Allgemeinen sehr begrüßt. Die Kernkraftwerke versorgten nicht nur die unmittelbare Umgebung, sondern auch ganze benachbarte Präfekturen mit Energie und gewährleisteten so eine weitreichende Stromversorgung in diesen Regionen. Technologisch betrachtet versprechen diese Anlagen eine konstante Energieversorgung, obwohl sie in der Regel eine Laufzeit von 40 Jahren haben. Trotz der jüngsten politischen Interventionen, die Betriebsdauer zu verlängern, haben die Beschränkungen im Hinblick auf ihre Laufzeit weiterhin Bestand.
Anfänglich profitierten die Kommunen erheblich von den Kernkraftwerken. Über vier Jahrzehnte hatten die Kommunen eine gesicherte Stromversorgung, eine robuste Wirtschaft, außerdem war für den Betrieb der Kraftwerke eine beträchtliche Zahl an Arbeitskräften erforderlich. Zusätzlich reisten regelmäßig etwa 1.000 Ingenieure zu Wartungszwecken an, was eine mit dem Tourismus vergleichbare wirtschaftliche Aktivität generierte. In dieser Zeit war die Kommune von Satsuma Sendai wirtschaftlich solide aufgestellt, allerdings gab es kaum Gespräche über die Zukunft der Stadt jenseits der Abhängigkeit von Atomenergie.
Die Aufgabe bestand darin, die zukünftige Entwicklungsrichtung der Kommune einer Neubetrachtung zu unterziehen. Durch einen bewusst zugänglich gestalteten und nicht übermäßig ausgeführten Ansatz entstand eine Vision, die zur öffentlichen Diskussion gestellt wurde und den Titel »Satsuma Future Commons« trug. Der Fokus des Konzepts lag auf der Eruierung alternativer Energiesysteme und Kreislaufwirtschaftsmodelle jenseits von Kernkraft.
Die Idee der Etablierung von Forschungs- und Entwicklungszentren musste nochmals geprüft werden. Die Kommunalbehörden hatten anfänglich vorgeschlagen, Forschungs- und Entwicklungszentren auf verfügbaren Grundstücken anzusiedeln, um innovative Fachleute anzuziehen. Dazu musste jedoch zunächst ermittelt werden, was die Kommune sinnvollerweise anbieten konnte. Die daraus hervorgegangene Vision sah vor, die gesamte Stadt als Kreislaufwirtschaftszentrum neu zu gestalten.
Ein wichtiger Faktor war die Herstellung konkreter Darstellungen von zirkulärem Design, Kreislaufwirtschaft und den ihr zugrundeliegenden Prinzipien. Die von einem italienischen Mitarbeitenden entwickelten Computergrafiken erwiesen sich als äußerst überzeugend und die Darstellungen schienen von den tatsächlichen Einrichtungen kaum unterscheidbar zu sein. Der fertiggestellte Komplex entsprach diesen Visualisierungen weitgehend.
In der Nähe des Bahnhofs, in etwa 5 Minuten Entfernung, haben die Kommunalbehörden von Satsuma Sendai ein sogenanntes kreatives Reparaturzentrum eingerichtet. Diese Einrichtung umfasst verschiedene Angebote, die sich mit Kreislaufwirtschaft befassen, die Vision für ihre Umsetzung untersuchen und verfügbare Ressourcen in der Umgebung identifizieren, die genutzt werden können. In einer Reihe von Workshops wurden verschiedene Aspekte der Kreislaufwirtschaft thematisiert. Bei einem Workshop ging es um biologische Prozesse, insbesondere traditionelle japanische Fermentationstechniken, die bei der Miso-Herstellung zum Einsatz kommen und auf bestimmten Schimmelkulturen basieren. Die Teilnehmenden erkundeten die Stadt auf der Suche nach verschiedenen Schimmelpilzarten und sammelten Proben für die Analyse.
Die Feldforschung bestand darin, verschiedene Proben in der gesamten städtischen Umgebung zu kennzeichnen. In den Workshops waren vielfältige Teilnehmende willkommen, darunter Eltern, Kinder und alle möglichen Interessierten vor Ort. In der Workshop-Reihe wurden Aspekte von Lebensmittelsystemen bis hin zu anderen Anwendungen der Kreislaufwirtschaft behandelt. Während die Herstellung von Miso aus zufälligen Proben aus der Umgebung die Aufsicht von Experten erforderte, hat der explorative Prozess die Bürger dazu angeregt, biologische und zirkuläre Systeme in ihrem eigenen unmittelbaren Umfeld kennenzulernen. Durch diese Workshops für die Mitbürger, die in der Einrichtung durchgeführt wurden, haben die Teilnehmenden am Ende tatsächlich Miso hergestellt und so die praktische Umsetzung der kreislaufwirtschaftlichen Prinzipien veranschaulicht.
Regionale Innovationsnetzwerke und demokratisches Design
Ortsspezifische Innovation hat im asiatischen Kontext eine besondere Bedeutung, wo etwa 70 Prozent der weltweiten Produktion stattfindet und 60 Prozent der Produkte konsumiert werden. Anstatt darauf zu warten, dass andere Regionen regulatorische Rahmenbedingungen schaffen, wie beispielsweise die europäischen Richtlinien zur Reduzierung bestimmter Flüssigkeiten oder von Abfallströmen, hat Asien die Möglichkeit, die Initiative zu ergreifen und kreislaufwirtschaftliche und nachhaltige Verfahrensweisen zu entwickeln. Durch proaktives Engagement anstatt reaktiver Compliance können erhebliche Effekte erzielt werden und die Region kann sich als Vorreiterin für nachhaltige Innovation positionieren.
Dieser Ansatz geht über nationale Grenzen hinaus und fördert den Austausch von Ideen mit den Nachbarländern. Zu den jüngsten Initiativen gehört die Circular Design Week in Taiwan, die den Wissensaustausch über verschiedene Praktiken in verschiedenen Teilen Asiens fördert. Diese T zielen darauf ab, die seit Jahrhunderten bestehenden Innovationstraditionen im asiatischen Raum zu würdigen und gleichzeitig zeitgemäße Anwendungsmöglichkeiten und gemeinschaftliche Lernmöglichkeiten zu eruieren. Trotz organisatorischer Einschränkungen – es handelt sich um ein kleines, gewinnorientiertes Unternehmen mit nur zehn Mitarbeitern – wird dieses Projekt als engagiertes Vorhaben mit zwar nicht sichergestellten, aber vielversprechenden Aussichten auf eine Fortführung betrieben.
Im Bereich der Designlehre rückt das Thema der Zugänglichkeit und Demokratisierung zunehmend in den Vordergrund. Die Öffnung der Designausbildung und der Designprozesse für die Öffentlichkeit bietet erweiterte Möglichkeiten innerhalb der Gemeinschaften. Die Frage, wie Exklusivität und Eigentumsrechte, wie sie gewöhnlich mit Innovationen verbunden sind, in inklusivere Prozesse umgewandelt werden können, bleibt von größter Bedeutung. Eine breitere Teilhabe ermöglicht kollektive demokratische Bemühungen, anstatt Innovationen nur einem kleinen Kreis vorzubehalten.
Beide Ansätze haben ihren Wert. Fortschrittliche Innovationen, die von Führungskräften mit ausgefeilten Technologien, herausragenden Ideen und einer visionären Perspektive vorangetrieben werden, bleiben unverzichtbar. Gleichzeitig verdienen basisdemokratische Innovationen, die an verschiedenen Orten entwickelt werden, die gleiche Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Dieser duale Ansatz ähnelt dem Weben von Textilien, wobei die horizontale Achse verschiedene Berufe und Individuen darstellt. Im Falle eines Perspektivwechsels und wenn mehrere Möglichkeiten innerhalb eines Ortes sichtbar werden, werden diese Elemente miteinander verknüpft und führen zu Innovationen. Auch wenn die daraus resultierende Innovation nicht zwangsläufig sofortige finanzielle Erträge erzielt, hat sie doch einen hohen sozialen Wert. Diese Metapher von Innovation als dem Weben von Textilien, das einzigartige Muster für bestimmte Orte entstehen lässt, erfasst den wesentlichen Charakter dieser Arbeit.
Zu den praktischen Anwendungen dieser Strategie gehören Kooperationen mit Institutionen wie dem Royal College of Art, dessen Studierende die Hotelanlage in Kyushu besucht haben. Im Rahmen des Global Innovation Design Programms fanden Führungen in nahegelegenen Städten statt, in denen herausragende Handwerkstechniken weiter erfolgreich praktiziert und traditionelle Produktionsmethoden beibehalten werden. Zu den vorgestellten Handwerkstechniken zählt die lokale Fertigung von Hinoki-Tellern aus Holz und Körbe, die in der unmittelbaren Umgebung gefertigt werden und beim Frühstück zum Einsatz kommen.
Auch Designstudierende aus Hongkong haben an Projekten teilgenommen, die sich mit Bambushandwerk befassen. Obwohl es in diesem Fall nicht die edlen Handwerksprodukte aus anderen Regionen zu sehen gab, wurden an diesem Ort körperlich anspruchsvollere Erfahrungen möglich, wie bei der Bambusernte und-verarbeitung. Die Studierenden nahmen an einwöchigen Intensivkursen mit Waldbesitzern und mit den Herstellern teil, die die Bambusressourcen nutzen. Durch diese Erfahrungen erhielten die Teilnehmenden Einblicke in die verfügbaren Ressourcen und brachten ihr eigenes Design-Know-how ein, wodurch äußerst interessante Kooperationsprozesse angestoßen wurden, die Ressourcenwissen mit Designinnovation verbinden.
Einführung in den Workshop: Die Fallstudie der Stadt Kirishima
Im Workshop kommen gedruckte Karten von zwei Städten zum Einsatz, wobei der Schwerpunkt hier auf den orange-markierten Bereichen liegt, die die Stadt Kirishima darstellen. Die Teilnehmenden sind eingeladen, durch eine Ideenfindungsübung ortsspezifische Innovationen zu erkunden. Aus Zeitgründen behandelt der Workshop nur die ersten Phasen des Prozesses und nicht die gesamte Methodik, was einen ganzen Tag in Anspruch nehmen würde. Ziel ist es, ein grundlegendes Verständnis für den Ansatz zu vermitteln.
Zu den Materialien gehören zwei Landkarten und zwei Sätze verschiedenfarbiger Karten. Außerdem steht den Teilnehmenden Transparentpapier zur Verfügung, auf dem sie frei zeichnen und Notizen machen können. Die Materialien werden in ausreichender Menge bereitgestellt, wobei pro Set zwei Landkarten zur Verfügung stehen.
Für die Stadt Kirishima muss eine kontextbezogene Einführung erfolgen, um den Teilnehmenden, die den Ort nicht kennen, einen Eindruck davon zu vermitteln. Die Stadt liegt im Süden Japans, genauer gesagt im unteren rechten Teil der Präfektur Kagoshima. Die Präfektur erstreckt sich weit bis nach Okinawa und Taiwan und liegt damit näher an anderen asiatischen Regionen als an Zentraljapan. Das Gebiet weist drei unterschiedliche Klimazonen auf, die von tropischen Bedingungen bis hin zu kühlen Berglandschaften reichen und eine faszinierende geografische Vielfalt umfassen.
Die Punkte auf der Karte kennzeichnen Ortstypen, die Karten mit detaillierten Beschreibungen für die Teilnehmenden entsprechen. Die massiven vulkanischen Formationen der Kirishima-Berge bieten seit Zehntausenden von Jahren außergewöhnlich reiche Wasser- und Bodenressourcen. Diese Bedingungen begünstigen bemerkenswerte Handwerkstraditionen, beispielsweise eine Essigbrauerei, in der der Meister seines Fachs eine außergewöhnliche sensorische Expertise unter Beweis stellt. Um die Reife zu bestimmen, verfolgt er mit dem Ohr genau die Gärungsprozesse – eine Fähigkeit, die er durch jahrelange Erfahrung entwickelt hat. Die Größe der für die Fermentierung verwendeten Tongefäße ist seit Generationen unverändert geblieben. Versuche mit kleineren und größeren Gefäßen waren nicht von Erfolg gekrönt und bestätigen die optimalen Abmessungen der traditionellen Formen. Erfahrene Handwerker legen Steine auf die Deckel der Gefäße, wodurch akustische Signale erzeugt werden, anhand der die weniger erfahrenen Arbeiter erkennen können, in welchen Gefäßen die Fermentierung abgeschlossen ist. Diese äußerst sensorische Praxis ist kennzeichnend für die Arbeitsweise in der Brauerei.
Fermentationsprozesse erfordern bestimmte Mikroorganismen, insbesondere Koji, eine Pilzgattung, die auch internationale Bekanntheit erlangt hat. Koji erlaubt eine stabile Fermentation, die für die Herstellung von Sake, Sojasauce, Essig und andere traditionelle Produkte wesentlich ist. Die Entdeckung einer bestimmten Koji-Sorte vor Ort hat sich für die Herstellung von Shochu, dem für die Region typischen Alkohol, als besonders wertvoll erwiesen.
Die Region eignet sich aufgrund ihrer relativ milden klimatischen Bedingungen auch für den Teeanbau. Darüber hinaus sind mit einem Flughafen und einer Halbleiterfertigungsanlage auch völlig andere moderne Wirtschaftssektoren vertreten. Auch wenn diese Dinge auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, hat ihre geografische Nähe zu unerwarteten Synergien geführt.
Im Flughafen fallen riesige Mengen an Lebensmittelabfällen an, die früher einen reinen Verlust dargestellt haben. Durch die unmittelbare Nähe zur Koji-Fermentation und dem damit verbundenen Spezialwissen, gelang es jedoch dieses Abfallaufkommen durch Fermentationsprozesse in hochwertiges Schweinefutter umzuwandeln. Die daraus hergestellten Schweinefleischprodukte sind von bemerkenswerter Qualität. Außerdem entwickelt das fermentierte Futter einen nur geringen Geruch. Der Transport von Abfallstoffen über weite Strecken zur Vergärung wäre aufgrund der Anforderungen an die entsprechenden Fahrzeuge und des Ressourcenverbrauchs nicht praktikabel. Wenn jedoch lokale Ressourcen unmittelbar erreichbar sind, werden beachtliche Interaktionen möglich. Diese räumliche Nähe hat die Entwicklung neuer Produkte ermöglicht, während sie gleichzeitig als Nebeneffekt zur Produktion von hochwertigem Schweinefleisch geführt hat. Dies verdeutlicht das Zusammenwirken bei ortsspezifischen Innovationen, wenn komplementäre Ressourcen innerhalb eines praktikablen geografischen Radius zusammen genutzt werden können.
Besonders ist auch das Beispiel einer Kindestagesstätte in Kirishima, die eigenständig ein zirkuläres Lebensmittelsystem entwickelt hat. Fast alle Produkte, die von den Kindern in der Einrichtung konsumiert werden, stammen aus lokalen Quellen. In Japan mangelt es in der Regel an einer systematischen Infrastruktur, durch die Verbraucher mit lokalen Produzenten von Fisch, Gemüse und Fleisch in Kontakt gebracht werden, was dieses Projekt umso bemerkenswerter macht.
Die Kinder in der Einrichtung beteiligen sich schon ab einem Alter von drei Jahren aktiv an der Kompostierung, Zubereitung von Speisen und der Vorbereitung von Fisch. In diesem Alter beherrschen sie den Umgang mit Messern und können eigenständig Tempura zubereiten. Sie ernten gemeinsam mit lokalen Bauern Reis und stellen einmal im Monat Miso her. Angesichts der Verfügbarkeit von Reis, besonders gutem Wasser aus den Bergen von Kirishima und der Koji-Kulturen stellen die Kinder während ihrer gesamten Zeit in der Einrichtung regelmäßig Miso her. Bis zum Grundschulalter hat jedes Kind mehrfach Miso hergestellt und ein spezielles Wissen erworben, das mit dem der erfahrenen traditionellen Produzenten vergleichbar ist.
Durch diese Initiative werden im Prinzip die gesamte lokale Lebensmittelversorgungskette und das zirkuläre Ökosystem auf völlig neue Weise genutzt, während bei dieser Transformation die Kinder in den Mittelpunkt gestellt wurden. Dieser kinderzentrierte Ansatz führt zu besonders wirkungsvollen Ergebnissen, die mit Initiativen, die Erwachsene im Fokus haben, möglicherweise nicht erzielt werden könnten, wodurch ein Gefühl der gemeinsamen Gestaltung von Zukunft kreiert wird. Der von den Kindern produzierte Kompost geht zurück an die Landwirte und der Kreislauf wird so geschlossen.
Diese vielfältigen Projekte, die in der gesamten Stadt Kirishima umgesetzt werden, könnten den Eindruck erwecken, als gäbe es hier außergewöhnliche Ressourcen und Bedingungen. Die meisten Städte verfügen jedoch über vergleichbare Ressourcen oder Faktoren. Der Unterschied liegt in den methodischen Ansätzen, durch die vorhandene Ressourcen aufgezeigt werden und die Rahmenbedingungen für ortsspezifische Innovationen geschaffen werden.
Bei der Übung im Workshop werden die Teilnehmenden aufgefordert, anhand der Landkarten und Karten bekannte Ortstypen darzustellen. Die Teilnehmenden verknüpfen diese Elemente miteinander, um neue Idee zu entwickeln, die zunächst nicht auf Präzision ausgelegt sein müssen. Es geht vielmehr darum, der Fantasie freien Lauf zu lassen und dabei ortsspezifische Möglichkeiten durchzuspielen. Wenn der Blickwinkel als zu eng empfunden wird, können die Beteiligten auf interessante Projekte in ihren eigenen Städten oder Ländern zurückgreifen, wie beispielsweise Ideen zur Umnutzung von Kirchen oder andere innovative Gemeinschaftsprojekte. Eine Übereinstimmung mit den tatsächlichen Faktoren in Kirishima ist nicht erforderlich, da bei dieser Übung der Prozess Vorrang vor Genauigkeit hat.
Es können auch fehlende Ortstypologien identifiziert werden, wie beispielsweise Schulen, Fabriken oder andere Einrichtungen, die für ein Konzept erforderlich sind. Blankokarten mit blauem Rahmen ermöglichen bei Bedarf die Erstellung zusätzlicher Ortstypen. Die Teilnehmenden können Schulen, Krankenhäuser oder andere Orte festlegen, indem sie neue Karten zeichnen und beschriften und diese Elemente dann in innovative Konzepte einfließen lassen.
Die Kindertagesstätte ist ein Beispiel für zirkuläre Innovation. Ein weiteres ist die Umwandlung von Lebensmittelabfällen in Tierfutter durch die Zusammenarbeit des Flughafens mit dem Koji-Produzenten. Für eigene innovative Ideenfindungen können ähnliche Verbindungen zwischen Ressourcen geknüpft werden, möglicherweise schließen diese auch die Schweinezucht oder andere ergänzende Faktoren ein.
Je nach Präferenz können die Teilnehmenden einzeln oder in Gruppen arbeiten und entsprechend individuelle oder einzelne gemeinsame Ideen entwickeln. Transparentpapier, das in einer Menge von zwei Blättern pro Landkarte bereitgestellt wird, ermöglicht iteratives Experimentieren, ohne sich festlegen zu müssen, sodass eine Überlagerung von Ideen möglich ist, während die Ideen zu geografischen Merkmalen wie Flüssen und Bergen in Bezug gesetzt werden. Diese geografischen Faktoren können in Konzepte einfließen, ohne den kreativen Prozess einzuschränken.
Kirishima Workshop Präsentationen der Teilnehmenden
Erste Gruppenpräsentation
Das ursprüngliche Konzept wurde auf der Grundlage von Metaphern für das Weben von Textilien und Matrixdenken entwickelt. Die Koji-Fermentation kann in der Textilproduktion angewendet werden, was eine Zusammenarbeit zwischen einer Modeschule und der Koji-Fabrik nahelegt. Das Gemeinschaftszentrum würde als Jobcenter agieren und das notwendige Personal bereitstellen, während der Lebensmittelladen als Verkaufsstelle fungieren würde. Im Hotel könnten Textilien wie z.B. Bettwäsche, Handtücher und Modeartikel zum Einsatz kommen, die mit Hilfe des Koji-Fermentationsprozesses hergestellt wurden. Dieses Konzept zeigt, wie die Textilproduktion mehrere miteinander verbundene Aspekte der lokalen Wirtschaft und Kultur beeinflussen kann.
Zweite Gruppenpräsentation
Bei diesem Konzept geht es darum, wie man junge Menschen dazu bewegt, sich dauerhaft an einem Ort niederzulassen, welche Anreize gesetzt werden können und welche überzeugenden Gründe dafür gefunden werden können. Wesentliche Faktoren sind eine umfassende Bildungsinfrastruktur wie Modeschulen, Designhochschulen oder allgemeine Universitäten. Die Lebensqualität ist ebenso wichtig, wobei der Zugang zu Thermalquellen und Wandermöglichkeiten Faktoren sind, die das Wohlbefinden erhöhen. Beschäftigungsmöglichkeiten in der Halbleiterfabrik, die von Erdwärme aus dem Vulkan betrieben wird, könnten Karrierewege eröffnen. Der Faktor Esskultur würde zusätzlich die Attraktivität des Ortes durch neuartige Erlebnisse und Lifestyle-Optionen mit kulinarischen Innovationen erhöhen. Ein jährlich stattfindendes »Fest der Texturen«, bei dem Materialien, Lebensmittel und Fermentierung im Mittelpunkt stehen, würde Besucher anziehen und eine Gemeinschaftsidentität schaffen. In Anlehnung an das sensorische Erlebnis von Textur im Mund wurde der Name »Umami« vorgeschlagen, wodurch möglicherweise eine Alleinstellungsmerkmal für dieses Fest gefunden wäre und ein weitergefasstes Community-Branding geschaffen werden könnte.
Dritte Gruppenpräsentation
Die dritte Gruppe hat eine umfassende Sinnesreise durch die ganze Stadt konzipiert. Im anfänglichen Brainstorming wurde das auditive Erlebnis der Fermentationsgeräusche aufgegriffen und hat schließlich die Idee für ein multisensorisches Rahmenkonzept inspiriert. Thermalquellen bieten sensorische Erlebnisse durch das Eintauchen in heißes Wasser. In einem neuen Restaurant wird der Geschmack der lokalen Küche erlebbar. Das Viertel, in dem die Fermentation erfolgt, regt gemeinsam mit den Gewürzläden den Geruchssinn an. In einer Bibliothek in der Nähe des Gemeinschaftszentrums am Meer wird Kontemplation möglich, womit das Erlebnis für alle fünf Sinne abgerundet wird. Inspiriert vom geothermischen Tomatenanbau in Island umfasst das Konzept eine Tomatenproduktion in Gewächshäusern unter Nutzung der vulkanischen Wärme und der hohen Wasserqualität. Der Anbau von Tomaten erfordert die Bestäubung durch Bienen, was nahelegt, die neuen Restaurants mit Bienenstöcken und Tomatenpflanzen auszustatten. Das bestehende Restaurant in der Nähe des Flughafens wird durch die Lärmbelästigung beeinträchtigt, die wiederum das Vorkommen von Bienen einschränkt, was schließlich in den neuen Slogan »To bee or not to be« für die Sinnesreise mündete.
Vierte Gruppenpräsentation
Mit dem vierten Konzept wird die einzigartige Kombination von traditioneller Handwerkskunst und fortschrittlicher Technologie in Kirishima gewürdigt, wobei historische Präzedenzfälle wie Rolls-Royce herangezogen wurden. Innovation wird hier durch die Zusammenarbeit mit traditionellen Instrumentenbauern angestrebt, die über ein spezifisches Wissen verfügen. Der Vorschlag verbindet Handwerk und Technologie im gesamten Lebensalltag der Gemeinschaft. Leerstehende Akiya-Häuser könnten als Ausstellungsflächen für Anwendungen aus dem Technologiesektor genutzt werden bzw. als Zweigstellen für Unternehmen dienen, die sich in Kirishima niederlassen wollen. Dank umfassender Kinderbetreuungsangebote würde Müttern mehr Zeit zur Verfügung stehen und sie könnten Positionen in der Industrie oder im Handwerkstourismus einnehmen. Während sie sich zwar nicht so schnell das Wissen über traditionelle Fermentationsprozesse aneignen können, was Jahre erfordern würde, könnten sie als Reiseveranstalter für den Handwerkstourismus tätig werden und Besucher, die am Flughafen ankommen, zu Veranstaltungen begleiten, bei denen traditionelle Handwerkstechniken erlebt werden können. Überdies könnten Wissenspakete für unterschiedliche Kompetenzniveaus entwickelt werden – Grundkenntnisse, mittleres und fortgeschrittenes Niveau – um das handwerkliche Wissen zu bewahren und an Touristen weiterzugeben, wobei durch den Verkauf in Geschäften und in Reisebüros neue Märkte erschlossen werden könnten. Das Konzept beruht auf der Einbeziehung von Handwerk und Technologie durch gegenseitige Wertschätzung und wirtschaftliche Interdependenz. Eine Handwerks- und Technologieabgabe würde kommunale Steuereinnahmen aus Fabriken generieren, während diese Unternehmen von der Umsatzbeteiligung an den Verkäufen von Wissenspaketen über lokale Einzelhandelsgeschäfte profitieren würden, wodurch zirkuläre Wirtschaftsströme entstehen würden.
(Aktualisiert am 20. November 2025)

