Bildungsstiftung für wissenschaftliche Forschung & Lehre
WAS KREATIVITÄT IST
#Fähigkeit #Rahmenbedingungen #Individualität
Prof. Dr. Sascha Friesike
Berlin University of the Arts (UdK)
Warum Kreativität wichtig ist
In unserer immer komplexeren Welt gewinnt Kreativität zunehmend an Bedeutung. Während wir uns in neuen Situationen zurechtfinden und mit neuen Herausforderungen umgehen müssen, ist sie ein entscheidendes Werkzeug, um unsere Umwelt zu verbessern – wobei wir schrittweise eine Idee nach der anderen entwickeln können. Kreativität gehört zu jenen Fähigkeiten, die nicht ohne Weiteres automatisiert werden können, was ihr im Zeitalter der Digitalisierung einen besonderen Stellenwert verleiht. Alle möglichen Organisationen, angefangen von Kreativagenturen bis zu Verwaltungsinstitutionen, haben erkannt, dass Kreativität gefördert werden muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben und auf sich verändernde Umgebungen und Anforderungen reagieren zu können.
Über ihren praktischen Nutzen hinaus entspringt Kreativität jedoch auch einem zutiefst menschlichen Impuls. Schöpferisch oder gestalterisch tätig sein zu wollen liegt in der Natur des Menschen, dies kommt auch in der Popularität von Hobbys wie Gartenarbeit, Kochen oder Basteln zum Ausdruck. Kreative Beschäftigungen bescheren uns häufig Freude und Zufriedenheit und sind daher für sich gesehen immer schon eine Bereicherung. Kreative Aufgabenstellungen erfüllen Studierende auf eine Art und Weise mit Freude und Zufriedenheit, die durch Routinetätigkeiten nur selten erreicht wird.
Im Rahmen unserer Untersuchungen zu Nutzergruppen von 3D-Druckern haben wir zwei Auslöser für Kreativität beobachten können: Problemlösung und Spiel. Während etwa die Hälfte der untersuchten Gruppe durch konkrete Probleme motiviert war, für die eine Lösung gefunden werden musste, hat sich die andere Hälfte der Gruppe aus Neugier und Freude am Experiment mit einem Thema beschäftigt, ohne eine festgelegte Zielvorstellung zu haben. Dies stellt im Übrigen die gängige Annahme in Frage, dass Kreativität immer ein klar definiertes Problem als Ausgangspunkt braucht.
Definition von Kreativität
Eine weithin akzeptierte Definition von Kreativität umfasst zwei Kernaspekte: Neuheit und Nützlichkeit. Etwas wird als kreativ betrachtet, wenn es neu ist und keine Wiederholung bereits existierender Ideen oder Praktiken darstellt. Des Weiteren muss es für jemanden nützlich sein, wobei Nützlichkeit subjektiv und kontextabhängig ist. Mit dem Kriterium Nützlichkeit wird beliebige Neuheit von sinnstiftender Kreativität unterschieden.
Bei der Definition von Kreativität wird häufig von einer Sinnhaftigkeit jenseits alltäglicher Handlungen gesprochen. Je nach Betrachter und Kontext kann der Grad dieser Sinnhaftigkeit jedoch variieren. Kreative Ideen entspringen häufig ungewöhnlichen Kombinationen von Elementen. Oft bewirken sie auch eine emotionale Resonanz – sie bewegen Menschen, regen zum Nachdenken an oder wecken Gefühle.
Kreativität kann sich aus verschiedenen emotionalen Befindlichkeiten ergeben, darunter auch Freude und Angst. Sie erfordert Umsicht und aufrichtiges Interesse, d.h. echte Kreativität kann eigentlich nur dann entstehen, wenn der betreffenden Person das Ergebnis am Herzen liegt. Während Kreativität oft als individueller Ausdruck gesehen wird, kann sie oft die gleiche Wirkung entfalten, wenn sie aus Zusammenarbeit und kollektiver Anstrengung hervorgeht. Obwohl auch Frustration oder Wut Kreativität verstärken können, legen Forschungsergebnisse nahe, dass positive Emotionen – wie Neugier, Freude oder Interesse – besonders förderlich sind für Kreativität.
Bedingungen für Kreativität
Die Bedingungen die Kreativität zuträglich sind, können von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein. Manche Menschen blühen in Gemeinschaften auf, die ihre Neugier wecken und zu Gesprächen anregen. Andere wiederum schöpfen aus Langeweile und Stille ihre kreativsten Momente, was nahelegt, dass die ständige Stimulation wie wir sie im modernen Leben erfahren, kreatives Denken tatsächlich hemmen kann. Zu viel Inspiration, zu wenig Kontemplation.
Körperliche Betätigung ist kreativem Denken oft zuträglich. Aktivitäten wie Spazierengehen, Radfahren oder Duschen nehmen den Körper gerade so viel in Anspruch, dass die Gedanken sich frei entfalten können. Neurowissenschaftliche Studien bestätigen, dass insbesondere Spazierengehen die Gehirnfunktion auf eine Weise verbessert, die Kreativität förderlich ist.
Der Zusammenhang zwischen Stress und Kreativität ist komplex. Bei manchen Menschen hemmt Stress kreatives Denken. Bei wiederum anderen kann Druck wie ein Katalysator wirken – insbesondere, wenn sie zuversichtlich sind, dass sie trotz der Belastung ihr Ziel erreichen werden.
Auch Distanz – sowohl räumlich als auch zeitlich – hat maßgebliche Bedeutung für den kreativen Prozess. Manchmal hilft es daher, sich von einem Problem abzuwenden und mit einem frischen Blick zurückzukehren. Dadurch offenbaren sich dann mitunter Erkenntnisse, die zu Beginn noch nicht ersichtlich waren. Dies entspricht auch dem Gedanken des »Loslassens« und dem Vertrauen, dass sich Lösungen ergeben können, auch wenn wir nicht aktiv nach ihnen suchen.
Letztlich beruht Kreativität auf Vertrauen – zum einen in das eigene kreative Vermögen und zum anderen in die Arbeit selbst. Ohne intrinsische Motivation und den Glauben an den Wert des kreativen Ergebnisses, ist es schwierig bei der Sache zu bleiben, insbesondere angesichts der Höhen und Tiefen, die mit langfristigen Projekten einhergehen.
Der kreative Prozess
In seinem bereits vor hundert Jahren erschienenen Buch The Art of Thought skizziert Graham Wallas die wichtigsten Phasen des kreativen Prozesses: Präparation, Inkubation, Erleuchtung, Überprüfung und Ausarbeitung. Präparation umfasst das Sammeln von Wissen und die Erkundung bestehender Arbeiten in einem Bereich. In der Phase der Inkubation tritt das Problem in das Unterbewusste zurück, während das Bewusstsein auf etwas anderes gerichtet ist. Illumination ist der Moment der Erleuchtung, wenn eine Idee aufscheint – der klassische Aha-Moment wie er häufig bei Aktivitäten wie Spazierengehen oder Duschen erlebt wird. Im Schritt der Überprüfung wird die Idee im Hinblick auf Umsetzbarkeit und ihren Wert beurteilt. Im letzten Schritt wird die Idee zu etwas Konkretem ausgearbeitet und verfeinert.
Das Modell von Wallas bietet zwar einen nützlichen Rahmen, allerdings unterscheiden sich individuelle kreative Prozesse stark. Manche Menschen externalisieren ihre Gedanken zunächst durch Brainstorming oder Mind Mapping. Andere beginnen mit Skizzen und Kritzeleien, um den Gedanken ihren Lauf zu lassen. Manche verweisen in diesem Kontext auf die Bedeutung von zufälligen bzw. unerwarteten Entdeckungen und wertvollen Ideen. Dies erfordert ein verstärktes Augenmerk für überraschende Zusammenhänge und die Bereitschaft Erkenntnisse, so wie sie auftauchen, anzunehmen und weiterzuentwickeln.
Für andere ist der Ausgangspunkt eine Vision oder eine bestimmte Empfindung im Hinblick auf das angestrebte Ergebnis, während wiederum andere eine strukturierte Vorgehensweise bevorzugen, d.h. am Anfang steht ein klar definiertes Problem, woraufhin zielgerichtete Recherchen durchgeführt werden, um Inspiration zu finden.
Kreative Prozesse sind höchst individuell und subjektiv. Eine gute kreative Führung beruht auf der Anerkennung von Vielfältigkeit und der Anpassung von Arbeitsabläufen und Umgebungen, um in einem Team verschiedene kreative Herangehensweisen zu unterstützen.
Wodurch zeichnet sich ein kreativer Mensch aus
Die Offenheit für neue Erfahrungen ist ein wesentliches Persönlichkeitsmerkmal für Kreativität. Es spiegelt die Bereitschaft neue Ideen, Blickwinkel und Erfahrungen zu erkunden – allesamt Faktoren, die zu kreativem Denken beitragen. Außerdem entwickelt sich Kreativität besonders gut in Umgebungen, in denen Menschen sich sicher fühlen, Ideen auszutauschen, ohne Angst davor haben zu müssen, verurteilt zu werden. Psychologische Sicherheit ist entscheidend, um Risikobereitschaft und einen offenen Dialog zu fördern.
Interessanterweise behindern Beschränkungen und Hemmnisse Kreativität nicht, sondern fördern sie oft sogar, da sie eine hilfreiche Struktur bieten oder zu innovativeren Lösungen anregen. Gleichermaßen ist intrinsische Motivation – der Antrieb, etwas aus echtem Interesse oder Freude heraus zu schaffen – wichtiger für die Aufrechterhaltung einer kreativen Anstrengung als extrinsische Belohnungen.
Das Vergnügungsparkmodell der Kreativität bietet einen hilfreichen Rahmen für das Verständnis von Kreativität und wie sie in verschiedenen Disziplinen funktioniert. Nach diesem Modell beruht Kreativität auf mehreren Aspekten: allgemeine Voraussetzungen wie Motivation und kognitive Fähigkeiten, fachspezifische Kompetenzen und Kenntnisse sowie unterstützende soziale Faktoren und Umgebungsaspekte. Während einige Faktoren von Kreativität universell sind, sind andere stark vom Kontext oder der jeweiligen Disziplin abhängig.
Kreative Umgebungen
Physische Räume haben einen maßgeblichen Einfluss auf kreative Arbeit. Viele Kreative bevorzugen personalisierte, flexible Umgebungen gegenüber standardisierten (Unternehmens)-Settings. Studien haben ergeben, dass die Nähe zur Natur, hohe Decken und bestimmte Farben – insbesondere Blau- und Grüntöne sowie sanfte Farbtöne – förderlich sind für kreatives Denken. Auch die Beleuchtung ist wesentlich: gedämpftes Licht ist gut für die Suche nach fantasievollen und unkonventionellen Ideen, während helleres Licht den Fokus auf analytische Aufgaben unterstützt.
Die Form der kreativen Zusammenarbeit hat sich durch die digitale Transformation grundlegend verändert. Divergentes Denken – d.h. die Generierung einer Vielfalt von Ideen – ist durch Online-Meetings aufgrund der eingeschränkten Spontaneität und Kommunikationsmöglichkeiten schwieriger geworden. Konvergentes Denken hingegen – das Bewerten und Verfeinern von Ideen – kann in digitalen Formaten oft gut umgesetzt werden.
Kreativität erfordert letztlich eine gewisse Ausgewogenheit zwischen Struktur und Freiheit, Fokus und Ablenkung, individuellem Ausdruck und Zusammenarbeit. Dieses Gleichgewicht muss jeder für sich selbst austarieren. Kreativität zu lehren bedeutet, die Studierenden darin zu unterstützen, ihren eigenen kreativen Prozess zu finden und darauf zu vertrauen, anstatt ihnen eine pauschale Methode vorzugeben.
(Aktualisiert am 20. November 2025)

