Keine gleichen Chancen für alle – Einfluss des US-amerikanischen Bildungssystems auf Design

Designerin Annette Diefenthaler hat für das Weißbuch einen aufschlussreichen Essay über Design und das US-amerikanische Bildungssystem verfasst. Als Executive Director bei IDEO wird sie von der Frage angetrieben, wie Design zur Verbesserung unserer Gesellschaft beitragen kann.

Meine eigene Arbeit als Designerin im Kontext komplexer sozialer Herausforderungen stimmt mich zuversichtlich, dass Design ein wirkmächtiges Werkzeug für den Wandel ist und weiterhin sein wird […]“ – Annette Diefenthaler

Als kleinen Teaser finden Sie hier einen Auszug aus dem Essay:

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DESIGN UND DAS US-AMERIKANISCHE BILDUNGSSYSTEM

 

[…] Als Designerin habe ich mich mit Schulen und pädagogischen Systemen von der Frühförderung bis zur höheren Bildung in öffentlichen und privaten Schulen sowie Charterschulen beschäftigt, daher weiß ich, wie schwer ein Wandel bereits unter normalen Bedingungen zu bewerkstelligen ist. Die Pandemie hat eine rapide digitale Transformation des Bildungssektors bewirkt und eröffnet nun interessante Möglichkeiten einer drastisch beschleunigten Innovation. Bislang vergrößern die ethnisch disparaten wirtschaftlichen und gesundheitlichen Auswirkungen jedoch die Schere im Bildungssystem. Während Eltern in gehobenen Wohnvierteln Gruppen bilden
und Privatlehrer anheuern, haben Schüler in den ärmsten Bezirken monatelang keinen Zugang zum Internet bzw. einen ruhigen Ort zum Online-Lernen gehabt. […]

[…] Im Berufsstand des Designers gibt es nur eine unzureichende demografische Diversität und Kultur der Eingliederung. Gemäß einer Erhebung für den Bereich Design, die 2019 von AIGA, Google und Accurat durchgeführt wurde, bezeichnen sich 71 Prozent der Designerinnen und Desig­ner in den USA als Weiße, gefolgt von 9 Prozent mit asiatischer Herkunft. Lediglich 3 Prozent der Umfrageteilnehmer gaben an, afroamerikanisch zu sein, obwohl 13 Prozent der amerikanischen Bevölkerung Afroamerikaner sind. Dieses Verhältnis hat sich in den vergangenen 50 Jahren kaum verändert. Lediglich 8 Prozent der Befragten (versus 18 Prozent der Bevölkerung) sind laut der Um­frage Lateinamerikaner und nordamerikanische Ureinwohner sind mit 0,2 Prozent so gut wie gar nicht repräsentiert. Ähnliche Diskrepanzen gibt
es bei Aspekten wie Geschlecht, Alter, sexueller Identität, Menschen mit oder ohne Behinderung und Ort.

Mit anderen Worten: Macht und Einfluss im Designsektor und in der Designlehre liegen vorwiegend in den Händen von Weißen. Die sozialen Konsequenzen von Lösungen, die nur eine mangelnde inklusive Perspektive haben, werden die Spaltung vermutlich noch vorantreiben. Beispiele hierfür sind diskriminierende Snapchat-Filter, rassistische Modewerbung oder Herzfre­quenzmesser, die auf dunkler Haut weniger gut funktionieren, ganz abgesehen von Prozessen im Gesundheitswesen bzw. einer Stadtplanung, die nur für einige, aber eben nicht alle Menschen sinnvoll ist. Genau genommen kann Design die Vorherrschaft der Weißen perpetuieren und tut dies auch.

Als ich mich erstmals mit der Behauptung konfrontiert sah, dass Design die weiße Vorherrschaft perpetuieren könne, reagierte ich zunächst mit einer gewissen Abwehr. Und als die vorausschauende Aktivistin und Gründerin von Equity Meets Design, Christine Ortiz, vor einigen Jahren darauf hinwies, dass »Rassismus und Ungerechtigkeit Produkte des Designs« seien, hing ich noch der Überzeugung an, dass solche Ergebnisse nur Ausdruck eines mangelhaften Designprozesses sein können. Aus meiner Perspektive einer weißen Person schien die Designszene aus einer vielfältigen Gruppe mit Menschen aus vielen verschiedenen Hintergründen zu bestehen, die der gemeinsame Anspruch verband, die Welt zu einem besseren oder schöneren Ort machen zu wollen.

Dabei hatte ich völlig außer Acht gelassen, dass es in den meisten Fällen die uns allen gemeinsamen Privilegien waren, die uns in unsere Position versetzt hatten. Ein wesentlicher Aspekt dieser Privilegien ist Bildung: Das Diplom einer renommierten Designhochschule oder die Beziehungen, die man durch Alumni oder die Fakultät knüpfen kann, führen oftmals auch zum beruflichen Erfolg.

Insofern ist es aufschlussreich, die allgemeine Bildungslandschaft der USA etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Das K-12-Bildungssystem in den USA bietet sehr viele unterschiedliche Optionen, ist teurer als andere Systeme und liefert schlechtere Ergebnisse als andere Industrienationen. Die Prüfungsergebnisse liegen in Mathematik unter dem internationalen Durchschnitt und im Bereich Lesen bzw. den Naturwissenschaften stagnieren sie laut National Assessment of Educational Progress (NAEP) von 2019. Aus diesen im Oktober 2019 veröffentlichten Ergebnissen geht auch hervor, dass sich die Angebote für schwache Schüler in den USA seit dreißig Jahren nicht verändert haben. Während es im ganzen Land ausgezeichnete öffentliche und private Schulen sowie Charter-Schulen gibt, sind diese jedoch nicht für alle gleichermaßen zugänglich. Gemäß dem internationalen PISA-Ranking von 2018 (»Programm der internationalen Schülerbewertung« PISA Organisation für Zusammenarbeit und Entwicklung) können die Schulen in wohlhabenden Gegenden im Allgemeinen bessere Prüfungsergebnisse vorweisen als solche mit einer großen Anzahl von benachteiligten Schülern und der sozioökonomische Hintergrund spielt für den Schulerfolg eine größere Rolle, als dies in anderen Industrienationen der Fall ist. Genauer gesagt, das Schulsystem perpetuiert die Ungerechtigkeiten, wie sie viele Generationen von Amerikanern geprägt haben, und die Jahrzehnte währenden Reformbemühungen für Chancengleichheit haben nicht die versprochenen Resultate hervorgebracht.

Die Ungleichheiten nehmen bereits in der frühkindlichen Bildung ihren Anfang. Laut einer Studie vom National Institute for Early Education Research hinken von Armut betroffene Kinder mitunter bereits zwölf Monate hinter ihren privilegierteren Altersgenossen hinterher, wenn sie in den Kindergarten kommen. Die Armut in den USA steht mit ethnischer Ungleichheit in einem Zusammenhang, da in einkommensschwachen Kommunen überproportional viele Afroamerikaner oder amerikanische Ureinwohner leben. Dieses Leistungsgefälle setzt sich im K-12-System fort, was dazu führt, dass weniger Kinder aus historisch unterversorgten Kommunen einen Schulabschluss erlangen und insgesamt auch schlechtere Prüfungsergebnisse vorweisen. Der Anteil von Abiturienten, die dann einen Hochschulabschluss anstreben, ist wesentlich kleiner.

Daraus folgt eine erste signifikante Vorauswahl der Schüler, die Zugang zu einer Designhochschule und einem entsprechenden Abschluss bekommen: Nur Abiturienten haben die Möglichkeit, sich an einer Designhochschule zu bewerben, die einen Diplomabschluss bietet. Während einige Designstudiengänge allen offen stehen, die sich für eine Zulassung an ein College oder die Universität qualifiziert haben, verlangen viele der renommierteren Hochschulen eine überdurchschnittliche Durchschnittsnote und empfehlen Advanced-Placement-Programme, um die Chancen für eine Aufnahme zu verbessern.

Außerdem gehören bei vielen führenden Designhochschulen Portfolios zum Bewerbungsprozess. Aber auch diesbezüglich sind Schüler, die Gelegenheit hatten, an außerschulischen Programmen, Summer Camps oder Mappenvorbereitungskursen teilzunehmen – die häufig kostspielig sind – eindeutig im Vorteil. Der ehemalige US­amerikanische Bildungsminister Arne Duncan hat darauf hingewiesen, dass »Kinder aus benachteiligten Verhältnissen, Schüler, die Englisch als Fremdsprache lernen und Schüler mit Behinderungen nicht jene Angebote zur Bereicherung ihres Erfahrungsschatzes erhalten wie Schüler aus wohlhabenden Familien«. Außerdem wurde der Kunstunterricht, der früher an vielen öffentlichen Schulen angeboten wurde, in den letzten Jahren zunehmend reduziert oder gänzlich abgeschafft. […]

 

Anmerkungen der Redaktion: Im weiteren Verlauf des Essays bildet Annette Diefenthaler weitere Problematiken ab, die sie im Design und dem US-amerikanischen Bildungssystem beobachtet und zeigt Lösungsvorschläge wie die eines inklusiveren Bildungssystems auf. Hierbei hat die Autorin stets das Ziel vor Augen, transformative Veränderungen anzustoßen und gleichstellungsorientierte Designansätze zu entwickeln. Nachzulesen in: „Designing Design Education – Weißbuch zur Zukunft der Designlehre“.