Legendäre Designschulen oder das Fundament, auf dem wir stehen – Teil 2

Wie muss ein Designstudium heute beschaffen sein, um die Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft zu gestalten? Mit dieser Frage beschäftigt sich die iF Design Foundation seit einigen Jahren im Rahmen intensiver Forschungsarbeit. Dabei lohnt immer einmal wieder der Blick zurück. Welche historischen Designschulen prägen das Designstudium auch heute noch? Eine Rückbesinnung auf fünf der bedeutendsten unter ihnen.

Credit: VCHUTEMAS MOSKAU (FOTO: 1927) Entwurf / Design: Alexander Vesnin, Copyright: Staatliches Schtschussew Architekturmuseum, Moskau

Labor der Moderne: VChUTEMAS, Moskau

VChUTEMAS steht für die „Höheren Künstlerisch-Technischen Werkstätten“ in Moskau, welche von 1920 bis 1930 existierten. Dieses sogenannte „russische Bauhaus“ war Motor für die Modernisierung eines ganzen Landes und offen für alle, die sich einschreiben wollten – allein im ersten Jahr waren es 2.000 Studierende. Die Liste derjenigen Künstler:innen, die dort lehrten, reicht von Alexander Rodtschenko über Kasimir Malewitsch, El Lissitzky, Wassily Kandinsky bis zu Wladimir Tatlin und Wera Muchina. Die Schule prägte die europäische Avantgarde. Analysieren und selbständig denken, dazu sollten die Student:innen der VChUTEMAS angeregt werden – ein zu seiner Zeit innovatives Unterrichtsprinzip.

Reformen auf ganzer Linie: Black Mountain College, North Carolina

Das Black Mountain College (1933 bis 1957) wurde in North Carolina, USA, im selben Jahr gegründet, in dem in Deutschland das Bauhaus von den Nazis geschlossen wurde. Zu einer Zeit, als in den USA die Folgen der Weltwirtschaftskrise spürbar wurden, aber auch das kulturelle Leben neue Impulse durch die Kunst der europäischen Immigrant:innen erhielt. Von großem Reformwillen geprägt, war die Pädagogik ganz auf demokratische Ideale ausgerichtet. Künstlerische Erziehung würde zu sozialer Kompetenz führen, davon war man hier überzeugt. Die Schule versammelte wichtige Künstler:innen, Designer:innen und Architekt:innen, darunter Josef und Anni Albers, Walter Gropius, Cy Twombly, Robert Rauschenberg, Buckminster Fuller, Willem und Elaine de Kooning und viele mehr.

Credit: Black Mountain College, Studies Building (Foto: ca.1949)Photo: Harriet Sohmers, Courtesy of Black Mountain College Museum + Arts Center
Credit: Black Mountain College, Studies Building (Foto: ca.1949) Photo: Harriet Sohmers, Courtesy of Black Mountain College Museum + Arts Center
CranbrookCredit: Keith Jefferies / Stockimo / Alamy Stock Photo
Cranbrook Credit: Keith Jefferies / Stockimo / Alamy Stock Photo

Cranbrook University: Ein zeitlos schöner Campus

Die Kunstakademie Cranbrook in Michigan gehört zu den bedeutendsten Hochschulen der USA. Gegründet wurde die Cranbrook Educational Community Anfang des 20. Jahrhunderts vom Zeitungstycoon George Booth. 1932 ernannte Booth keinen geringeren als den finnischen Architekten und Stadtplaner Eliel Saarinen zum Direktor der renommierten Akademie. Dieser gestaltete das Universitätsgelände in der Bauart des Arts and Crafts Movement, es zählt heute zu einem der schönsten auf dem gesamten amerikanischen Kontinent. Doch Cranbrook ragt nicht nur durch seinen Campus heraus, sondern auch durch seine berühmten Lehrenden und Absolvent:innen, darunter Charles Eames und Harry Bertoia, Florence Knoll und Eero Saarinen.

Yale School of Art: Die erste Kunsthochschule der USA

„Yale“ ist eine der renommiertesten akademischen Einrichtungen der Welt und zählt zu den „Big Three“ der Vereinigten Staaten. Doch die Eliteinstitution ist nicht nur bekannt für diejenigen ihrer Graduierten, die es an die von Spitze in Politik und Wirtschaft geschafft haben. Die dazugehörige, 1869 gegründete Yale School of Art war die erste professionelle Kunsthochschule der USA. Hier wird Grafikdesign, Malerei/Druckgrafik, Fotografie oder Skulptur studiert. Ein berühmter Akteur ist der legendäre Grafik-Designer Paul Rand, der hier unterrichtete. Mit seiner 1947 veröffentlichten Arbeit „Thoughts on Design“ („Gedanken zum Design“), beeinflusste er die Zukunft des Grafikdesigns und trug mit diesem Werk zum exzellenten Ruf der Yale School of Art bei. Der ehemalige Bauhaus-Meister Josef Albers leitete von 1950 bis 1959 das Art Department und beeinflusste über seine Werke, Veröffentlichungen und Schüler – u.a. Eva Hesse und Richard Serra – die moderne Kunst bis heute.

Yale Credit: f11photo / iStock
HfG Ulm Credit: Hochschule für Gestaltung Ulm (Foto: 1955) Foto: Hans G. Conrad, Copyright: René Spitz
HfG Ulm Credit: Hochschule für Gestaltung Ulm (Foto: 1955) Foto: Hans G. Conrad, Copyright: René Spitz

Wirkt bis heute nach: die HfG Ulm

Ein Ort der geistigen Neuorientierung nach der Nazi-Diktatur – nichts weniger sollte die von Inge Scholl und Otl Aicher zusammen mit Max Bill gegründete neue Hochschule für Gestaltung in Ulm (1953 bis 1968) sein. Ehemalige „Bauhäusler“ gehörten zu den ersten Dozent:innen. Jüngere wie Otl Aicher, Walter Zeischegg, Tomás Maldonado und Hans Gugelot entwickelten hier eigene Ideen. Es formte sich das sogenannte „Ulmer Modell“: „ein auf Technik und Wissenschaft abgestütztes Modell des Design, das Designer nicht mehr als übergeordneter Künstler, sondern gleichwertiger Partner im Entscheidungsprozes der industriellen Produktion“ sieht, so Otl Aicher. An der HfG beschäftigte man sich fortan mit komplexen Lösungen und Systemen, in Bezug auf Grundlagenforschung in Theorie und Methode leistete sie Pionierarbeit. Das (Berufs-)Bild zahlreicher Designer:innen ist bis heute davon geprägt.

Noch mehr legendäre Designhochschulen dieser Welt stellen wir hier vor.