Die iF Design Foundation arbeitet aktuell an einer neuen Publikation zum Thema Learning Sciences. Anlässlich dazu haben wir mit unserem Vorstand René Spitz gesprochen, um einen Einblick in den Prozess zu bekommen.
Was versteht ihr unter Learning Sciences und warum befasst ihr euch gerade jetzt mit diesem Thema?
René Spitz: Learning Sciences war das erste Workshop-Thema unserer Veranstaltungsreihe zu praktischen Impulsen für die Designlehre. Annette Diefenthaler brachte es damals aus ihrer langjährigen Arbeit bei IDEO mit. Sie machte deutlich: Das Lernen über das Lernen ist zentral für unsere Arbeit. Und für die Fragen, mit denen wir uns beschäftigen müssen, wenn wir das Studium weiterentwickeln wollen. Die Learning Sciences sind ein interdisziplinäres Wissenschaftsfeld, das sich mit den sozialen und kognitiven Aspekten des Lernens beschäftigt, um zu erforschen, wie und unter welchen Umständen Menschen am besten lernen können. Nach der Veranstaltung war für uns alle war klar: Dieses Thema ist noch lange nicht erschöpft. Wenn wir hier vorankommen wollen, ist der Perspektivwechsel vom Lehren zum Lernen eine wichtige Verschiebung, um eine wirklich gute Lehre zu ermöglichen.
Was ist das Thema eurer anstehenden Publikation und wie seid ihr vorgegangen?
Mit der anstehenden Publikation wollen wir umreißen, wie die wichtigsten Erkenntnisse der internationalen Lernwissenschaft (Learning Sciences) auf das Designstudium angewandt werden können – und darüber hinaus auch auf viele weitere Studiengänge für das Feld der Kreativwirtschaft. Deshalb haben wir eine Interviewreihe mit international anerkannten Forscherinnen und Forschern aus den Learning Sciences durchgeführt, die uns u. a. nach Stanford, an die Columbia University und ans MIT gebracht hat. Mit der Grounded Theory, einer qualitativen Forschungsmethode aus den Sozialwissenschaften, haben wir das vielfältige Spektrum der Konzepte strukturiert, auf die wir gestoßen sind. Wir sind noch nicht ganz fertig, aber am Ende geht es um ein knappes Dutzend Konzepte, die aus unserer Sicht für die praktische Anwendung im Designstudium besonders wertvoll sind.
Wie sehen die Konzepte aus?
Ganz wichtig: Diese Konzepte sind in der Lernwissenschaft als – derzeit – gesicherte Erkenntnisse etabliert. Dennoch werden sie nicht so systematisch und präzise an Hochschulen berücksichtigt, wie es wünschenswert wäre. Nehmen wir zum Beispiel die einfache Leitlinie »Walking works«: Dass körperliche Aktivität beim Lernen hilft, erscheint vielen von uns plausibel. Die Konsequenz daraus wird aber Studium nicht konsequent gezogen. Studieren heißt vielfach: Sitzen – alleine zuhause vor dem Bildschirm oder gemeinsam im Seminarraum.
Was ist neu an der Publikation?
Nach allem, was wir wissen, fehlt bislang eine grundlegende Darstellung zu genau diesen beiden Aspekten, die uns interessieren: Was können wir von der Lernwissenschaft lernen und wie können wir das konkret für das Designstudium nutzen? Unser Beitrag ist die Umwandlung in pragmatische Handlungsempfehlungen, damit im Designstudium besser gelernt wird. Besser bedeutet: Es wird effizienter gelernt und die Lerninhalte bleiben länger und tiefer präsent. Wir sind der Ansicht, dass dies in der Verantwortung der Lehrenden liegt. Die Existenzberechtigung von Hochschulen ist gerade heute mit der Frage verknüpft, was sie besser leisten können als technische und digitale Angebot – insbesondere vor dem Hintergrund, dass KI aktuell viele Fantasien entfesselt, die Hochschulen überflüssig erscheinen lassen.
Gab es Überraschungen bei eurer Arbeit?
Ja. In unseren Interviews haben wir häufig Verwunderung darüber gehört, dass ausgerechnet wir aus dem Design uns um die Frage kümmern, wie das Studium gestaltet sein sollte, damit es bestmögliche Voraussetzungen fürs Lernen bietet. Denn »den Kreativen« wird oft unterstellt, dass sie in dieser Hinsicht mehr oder weniger intuitiv vieles richtig machen (z. B. projektbasiertes Lernen, Gruppenarbeit, Streben nach persönlicher Entfaltung). Unser Eindruck ist allerdings, dass es sich dabei im Sinne der lernwissenschaftlichen Erkenntnisse vielfach nur um rudimentäre Ansätze handelt, da schlummert noch erhebliches Potenzial.

