»Weniger, aber besser« – ein Grußwort von Dieter Rams

Anlässlich der Publikation des Weißbuchs zur Zukunft der Designlehre: Designing Design Education hat Prof. em. Dr. h.c. Dieter Rams ein Grußwort verfasst. Die Ikone unter den deutschen Industriedesignern über die Ethik des Designs, Design als Denkprozess und den Einklang mit der Natur…

Das Design kann nur so gut sein wie die Designerinnen und Designer es selbst sind. Deshalb ist ein Schlüssel für die Qualität unserer Umweltgestaltung eine fundierte und zukunftsfähige Ausbildung und Bildung der jungen Protagonisten. Ich sage bewusst auch »Bildung«, denn die Gestaltung von Objekten hat in hohem Maße mit Wissen und Bewusstsein zu tun.

Der Designbegriff kommt dabei nicht erst heute unklar und weitgehend ausgefranst daher. Die Anzahl der Tätigkeiten, die sich Design nennen, reicht vom Hair-Design bis zum Nail-Design, sozusagen vom Scheitel bis zur Sohle, was man auch auf die ganze Gesellschaft übertragen kann. Das Internet liefert zum Begriff Design mittlerweile 15 Milliarden Einträge!

Nun habe ich nichts gegen Friseure und Kosmetikerinnen, wenn wir aber über ein Hochschulstudium zur Gestaltung, insbesondere zur industriellen Gestaltung sprechen, dann müssen andere Kriterien angelegt werden als Schönheit oder eine verhübschte Verpackung. Die Gestaltung unserer Dingwelten hat komplexe funktionale, psychologische, gesellschaftliche und nicht zuletzt politische Auswirkungen. Mir geht es dabei vor allem um eine Verringerung dieser Dingwelten, und ich bin fest davon überzeugt, dass es eine erweiterte Ethik des Designs geben muss. Es ist fraglos schwer, die Moral der Menschen zu verbessern, aber es wäre schon viel gewonnen, wenn wir das Denken verbessern könnten. Design ist in allererster Linie ein Denkprozess.

»Weniger, aber besser« bedeutet daher für mich, dass wir weg kommen müssen von der Unkultur des Überflusses, der Verschwendung, der Billigkeit im Wortsinn, aber auch im übertragenden Sinne. Es bedeutet, dass wir mehr Dinge benötigen, die wirklich das sind und das leisten, was die Benutzer von ihnen erhoffen: Erleichterung, Erweiterung, Intensivierung des Lebens. Tatsächlich ist Gleichgültigkeit gegenüber den Menschen und ihrer Lebenswirklichkeit in meinen Augen die einzige Sünde, die ein eine Gestalterin oder ein Gestalter begehen kann.

Was wird Produktgestaltung in den kommenden Jahren sein? Auf welche Ziele hin, unter welchen Voraussetzungen und nach welchen Kriterien wird unsere Umwelt zukünftig gestaltet werden müssen? Worin werden die Bedeutungen und der Wert des Designs liegen?

Dazu muss ein Studium zum Industriedesign neue Antworten finden, die neue Parameter zu berücksichtigen haben: Enorme ökologische Herausforderungen, interaktive Prozessabläufe, umfängliche Digitalisierungen, neue Kommunikationsformen, Künstliche Intelligenz und vor allem eine neue Praxis des Konsums, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Designerinnen und Designer müssen dazu dringend neue Vorschläge machen.

Dazu ist ein substantielles Studium die beste Voraussetzung. Vielleicht benötigen wir dazu eher weniger als immer mehr Studienangebote. Die aber sollten besser ausgestattet und dazu in der Lage sein, die Disziplinarität zu definieren und weiter zu entwickeln. Deutschland hat eine große Tradition an Designschulen, wovon das Bauhaus und Ulm nur die bekanntesten sind. Da gab es in der Vergangenheit sehr viel mehr. An diese Tradition heißt es mit neuen Spitzeninstituten anzuschließen.

Und auch über den eigenen Tellerrand müssen Produktgestalter immer wieder hinaussehen. Ich persönlich fände einen intensiven akademischen Austausch mit Architekten und Städteplanern dabei äußerst sinnvoll. Die Umweltgestaltung, der umbaute Raum und die Gerätschaften, also das industrielle Design, gehören zusammen, und ein gemeinsamer Diskurs darüber könnte neue Perspektiven des Lebens aufzeigen. Wir müssen gemeinsam über unsere materielle Zukunft nachdenken und zu einem neuen Einklang mit der Natur kommen. Dabei ist eines ganz sicher: Es wird keine Patentrezepte geben, sondern notwendig ist eine enorme Arbeitsleistung – eine gedankliche, konzeptionelle, gestalterische, technische, organisatorische Leistung sondergleichen. Dabei stehen wir noch ganz am Anfang.

Ich würde mich sehr freuen, wenn dieses Weißbuch zu einer fruchtbaren Diskussion um die zukünftige Designausbildung beitragen würde, und wünsche dem Vorhaben nachdrücklich viel Erfolg.