Impuls 3: Künstliche Intelligenz

19.–21.03.2024

Impulse für ein neues Curriculum, Teil 3
Künstliche Intelligenz

Im Rahmen des Open Campus Projekts, das die iF Design Foundation in Zusammenarbeit mit Die Neue Sammlung – The Design Museum ausrichtet, fand vom 19. bis 21. März 2024 in München die dritte Veranstaltung zur Zukunft der Designausbildung statt. Inwieweit ist die Designausbildung bereits heute durch KI geprägt und wie können KI-Tools in Zukunft in der Lehre eingesetzt werden? Savannah Kunovsky (IDEO), Dr. Madeline Gannon (atonaton), Prof. Dr. John Zimmerman (Carnegie Mellon University), Yusuf Ahmad (Playlab) und Seth Trudeau (Routine Chaos) lieferten Impulse aus Theorie und Praxis.
Die dreitägige Veranstaltung im X-D-E-P-O-T der Pinakothek der Moderne bot ein abwechslungsreiches Programm mit Vorträgen, Workshops und einem abschließenden Symposium, das auch für die Öffentlichkeit zugänglich war.

Die iF Design Foundation und Die Neue Sammlung haben ein gemeinsames Programm zum Thema »Designing Design Education – Impulse für ein neues Curriculum« entwickelt, das zunächst bis zum Jahr 2025 laufen wird. Während dieser Zeit wird Die Neue Sammlung zu einem öffentlichen Campus. Im Mittelpunkt stehen praxisnahe Impulse zur Weiterentwicklung der Designausbildung. Die Auswahl der Impulsvorträge basiert auf Erkenntnissen, die im 2021 erschienenen Whitebook »Designing Design Education« veröffentlicht wurden. Ausgangspunkt ist die weit verbreitete Überzeugung, dass die Designausbildung aus mehrerlei Hinsicht aktualisiert werden muss. Das Projekt zielt darauf ab, eine Auswahl von praktischen Werkzeugen und Erkenntnissen zur Verfügung zu stellen, die Bildungseinrichtungen für die Transformation des eigenen Designcurriculums nutzen können.

Die Auftaktveranstaltung fand im Oktober 2022 statt. Im Jahr 2023 folgten zwei Veranstaltungen zu verschiedenen Aspekten der Ausbildung, und für dieses Jahr sind drei weitere Events geplant. Jede dieser Veranstaltungen besteht aus einem geschlossenen Teil, bei dem 30-40 geladene Teilnehmer:innen Impulse sowie konkrete Empfehlungen von internationalen Expert:innen erhalten. Diese Empfehlungen basieren auf neuesten Erkenntnissen aus Wissenschaft und Forschung und sind bereits in der Lehre erprobt, aber noch nicht in der Designausbildung etabliert. Die Themen werden in einem abschließenden Symposium diskutiert, das auch für die Öffentlichkeit zugänglich ist.

Die rund 40 Teilnehmer:innen der Veranstaltung zum Thema »Künstliche Intelligenz« bilden das breite Spektrum der mit dem Design verbundenen Berufsfelder ab: überwiegend Lehre und Forschung, aber auch Designpraxis (selbständig und angestellt), Beratung, Management, Ausstellungsplanung und Journalismus.

Wertschöpfung mit moderater KI

Den ersten Impuls zum Thema »Wertschöpfung mit moderater KI« gab Prof. Dr. John Zimmerman von der Carnegie Mellon University, der über 20 Jahre Erfahrung in der Gestaltung von KI-gestützten Produkten und Dienstleistungen hat. Er berichtete über die mit KI verbundenen Missverständnisse und Herausforderungen und stellte dar, wie entscheidend die Beteiligung von Designer:innen und Kreativen an der Entwicklung von KI ist. Er begann mit der Feststellung, dass 85 % der KI-Projekte letztlich nicht realisiert werden, wobei die Hälfte der umgesetzten Projekte aufgrund unrealistischer Visionen, fehlender Daten, zu hoher Kosten und mangels eines Nutzwerts oder aufgrund von ethischen Bedenken erfolglos bleiben. Zimmerman schlug einen Strategiewechsel vor, der sich an dem von Google praktizierten Ansatz orientiert, bei dem Teams darin geschult werden, konkrete Möglichkeiten der Anwendung von KI (use cases) zu identifizieren. Anstatt KI als übermenschliche Instanz zu betrachten und zu versuchen, Expert:innen durch KI zu ersetzen, empfahl Zimmerman, einfach umsetzbare Möglichkeiten ins Visier zu nehmen, die machbar sind und einen praktischen Mehrwert bieten, der Nutzer:innen einen konkreten Mehrwert bietet. In seinem Vortrag hob er hervor, dass KI-Modelle oft nur mäßig genau sind, und plädierte dafür, dass das Design als Vermittler fungieren und Bereiche untersuchen sollte, in denen die Leistung von KI-Modellen verbessert werden kann.

Belebtheit und Handlungsfähigkeit

Der zweite Impulsvortrag zum Thema »Belebtheit und Handlungsfähigkeit« wurde von Dr. Madeline Gannon (atonaton) präsentiert, die sich auf Robotik spezialisiert hat und erforscht, was Roboter über ihr ursprüngliches Design hinaus tun können. Gannon, die von Analytics Insight als eine der zehn führenden Frauen in der Robotikbranche ausgezeichnet wurde, stellt sich eine Zukunft vor, in der Roboter neugierig, lebendig und freundlich sind. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf Aspekten von Belebtheit und Handlungsfähigkeit; sie bringt Robotern bei, freier und improvisierter zu handeln, und verbindet dabei Architektur und Design mit Robotik. In ihrem Vortrag stellte Gannon traditionelle Vorstellungen von Robotern in Frage. Ihrer Definition gemäß versteht man darunter nicht nur humanoide Figuren, sondern jedes Wesen, das mit »einem mechanischen Verstand und mechanischen Muskeln« ausgestattet ist. Sie wies darauf hin, dass Roboter in verschiedenen Formen, wie z.B. Lieferdrohnen, Industrieroboter und 3D-Drucker, bereits in unser Alltagsleben integriert sind. Gannon betrachtet Roboter als mechanische Wesen und plädiert dafür, Maschinen nicht mehr zu kontrollieren, sondern mit ihnen in Verbindung zu treten, da sie immer intelligenter und autonomer werden. Ihr Hintergrund in der Architektur ist entscheidend für ihren Ansatz, der darauf abzielt, die Bereiche von Kunst und Geisteswissenschaften mit der Robotik zu verbinden.

Praktische Erfahrungen mit GenAI

Im dritten Vortrag des Workshops beleuchteten Savannah Kunovsky (IDEO) und Seth Trudeau (Routine Chaos) das Feld der Generativen KI (GenAI) und unterstrichen deren Rolle als erweiterte Intelligenz, die die menschlichen Fähigkeiten verbessern kann, anstatt damit in Konkurrenz zu treten. Sie stellten heraus, wie nahtlos sich KI bereits in unser Leben integriert hat und sowohl den Designprozess als auch das Potenzial für neue Produkte und Dienstleistungen beeinflusst. Das Duo betonte, wie wichtig es ist, verantwortungsvoll zu gestalten, und untersuchte, wie GenAI Designer:innen neue Möglichkeiten eröffnen kann, indem sie als herausfordernder Partner fungiert, der zur Entwicklung mutiger und kreativer Ideen aufruft. Kunovsky und Trudeau hoben auch die proaktive Forschung von IDEO in Bezug auf Gen Z hervor, um deren Wahrnehmung von KI zu verstehen. Die Untersuchung zeigte, dass Gen Z KI als Werkzeug sieht, das dazu beiträgt, menschliche Beziehungen zu vertiefen, anstatt sie zu ersetzen; als Hilfe, das Leben bewusst zu gestalten, ohne dabei von authentischen Erfahrungen abzuschirmen, und als Aufforderung, Unvollkommenheiten anzunehmen, anstatt sie zu beseitigen. Abschließend warnten Kunovsky und Trudeau vor Voreingenommenheit und wiesen darauf hin, dass digitale Werkzeuge zwar moralisch neutral erscheinen mögen, sich jedoch die Voreingenommenheit ihrer Gestalter:innen in den Ergebnissen widerspiegelt. Sie warnten auch vor Ausbeutung und Monetarisierung sowie vor der Gefahr von Fehlinformation und Manipulation. Dabei unterstrichen sie, wie wichtig der Schutz der Privatsphäre sowie der Datenschutz ist, indem sie die Herkunft der von den Modellen verwendeten Daten und den Umgang mit den Nutzereingaben hinterfragten. Sie forderten dahingehend ein vorsichtiges und rücksichtsvolles Vorgehen bei der Integration von KI in unseren Alltag, um sicherzustellen, dass KI die menschliche Interaktion und Kreativität nicht einschränkt, sondern verbessert.

Im letzten Impulsvortrag ging Yusuf Ahmad (Playlab) auf die kritische Frage der Demokratisierung der KI-Entwicklung ein und äußerte seine Besorgnis über das derzeitige Szenario, in dem eine kleine Gruppe von Personen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung von KI-Tools hat. Er wies darauf hin, dass es weltweit etwa 100 Millionen Lehrer:innen und Professor:innen gibt, und plädierte dafür, den Zugang zur Entwicklung von KI-Tools zu erweitern, um eine Zukunft zu vermeiden, die von den Produkten einiger weniger dominiert wird. Ahmad forderte eine öffentliche Infrastruktur, die mehr Menschen die Möglichkeit gibt, KI Tools zu entwickeln, die auf den jeweiligen Kontext zugeschnitten sind, und so die Vielfalt und Inklusivität von KI-Anwendungen zu erweitern. Die von ihm mitbegründete gemeinnützige Organisation »Playlab« setzt dies bereits in die Tat um und konzentriert sich darauf, die Entwicklung von KI-Tools einfacher zu gestalten sowie den Zugang zu KI und das Teilen von digitalen Werkzeugen zu gewährleisten. Ahmad betonte, wie wichtig es ist, dass Technologie das Leben verbessert, ohne unnötige Komplexität hinzuzufügen oder die Qualität zu verringern. Er plädierte dafür, die Entwicklung von Open-Source-KI zu beschleunigen, um Transparenz zu fördern, da die Undurchsichtigkeit der meisten Systeme, die wie »Black Boxes« funktionieren, nicht zum Verständnis von Trainings- und Betriebsmechanismen beitrage. Während des Workshops waren die Teilnehmer:innen eingeladen, ihre eigene Anwendung mit Playlab zu entwickeln und erlebten so aus erster Hand, wie einfach es ist, eigene KI-Produkte mit Hilfe von simplen Befehlen und Tests zu kreieren.

Alle Impulse gibt es auf unserem Youtube-Kanal auch als Kurzversion.

iF Design Foundation bei Youtube

Das Symposium

Ein öffentlich zugängliches Symposium fasst die Ergebnisse eines lernintensiven Workshoptages zusammen und lädt das Publikum zur Diskussion ein.

Jede Veranstaltung der Reihe endet mit einem öffentlich zugänglichen Symposium im X-D-E-P-O-T der Pinakothek der Moderne, bei dem die Ergebnisse der Workshops mit dem Publikum geteilt und diskutiert werden. Nach einer kurzen Einführung durch die Vorstandsmitglieder und Gastgeber:innen René Spitz, Annette Diefenthaler und Christoph Böninger rekapitulierte Prof. Dr. John Zimmerman seinen Vortrag vom Vortag und erklärte, warum so viele KI-Initiativen scheitern und wie Designer:innen und Data Scientists zusammenarbeiten können, um digitale Werkzeuge zu entwickeln, die wertvolle Ergebnisse liefern. Anschließend erläuterte Dr. Madeline Gannon ihre Vision von der Entwicklung von Robotern, die trainiert sind, über einfache, sich wiederholende Aufgaben hinauszugehen, um Verbindung und gegenseitige Neugier zu ermöglichen. Es folgte eine Zusammenfassung des Vortrags von Savannah Kunovsky und Seth Trudeau, die sich darauf konzentrierte, wie generative KI Designer:innen darin unterstützen kann, neue Möglichkeiten zu erforschen, sowie Einblicke in die Art und Weise gab, wie die Gen Z KI wahrnimmt und mit ihr interagieren möchte. Schließlich zeigte Yusuf Ahmad auf, wie man die Schwelle zur Nutzung von KI senken kann und präsentierte Beispiele für Anwendungen, die von Teilnehmer:innen während des Workshops entwickelt wurden.

Ausblick auf das Campus-Projekt von iFDF x DIE NEUE SAMMLUNG bis 2025: Kommende Veranstaltungen

Die Direktorin der Neuen Sammlung, Prof. Dr. Angelika Nollert, bedankte sich abschließend bei den Vortragenden und beim Publikum für die vielen Denkanstöße. Im Jahr 2024 wird es zwei weitere Veranstaltungen dieser Reihe geben: Im Juni (18.-20.) geht es um das Thema »Leadership für Nachhaltigkeit & Public Value«, die Veranstaltung im Oktober (15.-17.) widmet sich dem Thema »Innovation«.

Wenn Sie Interesse haben, an den Workshops teilzunehmen, tragen Sie sich bitte hier in unsere Mailingliste ein (siehe unten für die Anmeldung zum Newsletter). Wir werden Sie dann zu gegebener Zeit einladen. Die Teilnahme ist kostenlos, die Anzahl der Plätze ist begrenzt, und sie werden in der Reihenfolge des Eingangs der Anmeldungen vergeben.

Impulsgeber »Artificial Intelligence«

As Managing Director at IDEO, Savannah has designed and led new products and ventures for over a decade. She is the Global Head of IDEO’s Emerging Technology Lab, bringing businesses from today’s realities to the worlds we’ll live in next. Prior work includes pioneering Emotion AI for mental health with Dr. John Gottman, co-founding a chain of tech education schools in Sub-Saharan Africa, and building the coding bootcamp industry as a software engineer at Hack Reactor. Recognized by MIT, Forbes, and the World Economic Forum, she’s an early stage advisor who’s propelled startups from ideation through Series B. Savannah is committed to designing tech that serves humanity, the planet, and life on earth.

Dr. Madeline Gannon, a multidisciplinary designer blending techniques in art, design, computer science, and robotics to forge new futures for human-robot relations. Also known as »The Robot Whisperer«, Gannon specializes in convincing robots to do things they were never intended to do: from transforming giant industrial robots into living, breathing mechanical creatures, to taming hordes of autonomous machines to behave like a pack of animals.

Dr. Gannon has been a World Economic Forum Cultural Leader, a Robotics & AI Researcher at NVIDIA and a former artist in residence at ETH Zurich, Autodesk Pier 9, and the Carnegie Mellon STUDIO for Creative Inquiry. She is known as one of the ‚Top 10 Women in Robotics Industry‘ and ‚World’s 50 Most Renowned Women in Robotics’ according to Analytics Insight. Gannon holds a M.Arch from Florida International University, and a Ph.D in Computational Design from Carnegie Mellon University.

John Zimmerman is the Tang Family Professor of Artificial Intelligence and Human-Computer Interaction at the HCI Institute, one of seven computer science departments within Carnegie Mellon’s School of Computer Science. He conducts research on human-AI interaction, human-robot interaction, and AI innovation processes. He teaches courses in UX design, service design, and on the design of AI products and services. He joined the university in 2002. His professional experience includes time at Philips Research investigating new forms for interactive television as well as several years working in film, video, and multimedia production. John is a member of ACM’s CHI Academy and has been an AAAS fellow focused on outreach to the public about AI. He’s published over 150 peer-reviewed papers and authored 40 patents. He regularly speaks on design, HCI, and AI at academic conferences and within the tech industry. While at Philips, he co-invented a method for scrolling touchscreens now used on almost all phones and tablets.

John has 20+ years of experience designing AI products and services. For the last several years he’s explored the idea of AI as a Design Material, including what makes AI uniquely difficult to design. He’s designed TV show recommenders, office productivity tools that automate routine tasks, a system that learns the pick-ups and drop-offs of busy parents and keeps them from forgetting their kids, a decision support tool that helps cardiologists decide when to implant mechanical hearts, a crowdsourced real-time arrival system for transit riders, and smart classrooms that watch instructors teach and offer feedback on their actions and student reactions so they can improve their teaching. Prior to this workshop, he spoke at SXSW 2024 on Designing Successful AI Products and Services.

Yusuf is the CEO of Playlab, a tech nonprofit that empowers educators & impact organizations to build their own AI tools.

Prior to founding Playlab, Yusuf led new product development for Teach For America, contributed to Scratch (a creative coding platform used by millions of kids), researched at the MIT Media Lab, and was on the founding team of ALU & ALX, a pan-African network of universities and alternative higher ed pathways.

Outside of work, he mentors startups through MIT’s Sandbox Fund, angel invests in AI edtech companies like LitLab and Recess, and is a proud girl dad.